Bevor die Schlagzeilen kommen — wie man die neue Angststudie liest
Am 1. Oktober erscheint wieder die R+V-Studie „Die Ängste der Deutschen“. Die Schlagzeilen werden das Ranking nacherzählen. Die interessantere Geschichte steht in der Zeitreihe — eine Leseanleitung, bevor die Zahlen da sind.
Am 1. Oktober ist es wieder so weit: Die R+V-Versicherung veröffentlicht ihre Studie „Die Ängste der Deutschen“ — seit 1992 jedes Jahr, eine der längsten Beobachtungsreihen zur Verunsicherung, die dieses Land hat. Und jedes Jahr folgt dasselbe Ritual: Die Schlagzeilen erzählen das Ranking nach, wahlweise als Beruhigung oder als Alarm. Im vergangenen Jahr fiel der „Angstindex“ auf 37 Prozent, zum zweiten Mal in Folge — prompt hieß es, die Deutschen würden gelassener. Bevor die neuen Zahlen kommen, lohnt es sich zu klären, was diese Studie eigentlich misst. Und was nicht.
Gefragt wird nach Angst, gemessen wird etwas anderes. Die Befragten sollen zu 25 vorgegebenen Themen, von den Lebenshaltungskosten über die Pflege bis zum Krieg, „rein aus dem Gefühl“ angeben, für wie bedrohlich sie das jeweilige Ereignis halten, auf einer Skala von „keine Angst“ bis „sehr große Angst“. Bedrohlichkeit und Angst werden also in einer Zahl zusammengezogen. Angst hängt aber an mehr: ob etwas bedroht ist, woran man hängt, wie ungewiss oder wahrscheinlich der Schaden erscheint und ob man sich ihm gewachsen fühlt. Nach der Kontrolle fragt die Studie gar nicht. Und dasselbe Thema bedeutet für verschiedene Menschen Verschiedenes: Bei der Umwelt geht es für die einen um die eigene Gesundheit, für andere um den Hof, die Zukunft der Kinder oder die Landschaft, in der sie leben. Umgekehrt kann tiefe Verunsicherung bestehen, die auf keiner Themenliste steht, weil sie sich an nichts Bestimmtem festmacht. Die Studie ist damit etwas anderes, als ihre Rezeption unterstellt: ein Protokoll dessen, was in diesem Land als bedrohlich gilt. Das ist nicht wenig. Es ist nur keine Fieberkurve.
Der Durchschnitt ist keine Diagnose. Der Angstindex mittelt über alle Themen und alle Befragten. Ob hinter einem sinkenden Wert eine insgesamt ruhigere Gesellschaft steht oder eine, die sich in Beruhigte und Hochverunsicherte teilt, verrät der Mittelwert nicht — soziologisch entscheidend ist die Verteilung, nicht das Niveau. Dazu kommt: Aufmerksamkeit ist knapp. Bedrohungen konkurrieren um denselben Raum, neue verdrängen alte, ohne dass die alten gelöst wären. Wenn etwa die Extremismus-Angst fällt, während die Angst vor steigenden Kosten wächst, hat sich die Aufmerksamkeit verlagert. Kleiner geworden ist sie nicht. Die spannende Frage an jede neue Welle lautet deshalb nicht „mehr oder weniger Angst?“, sondern: Was ist wohin gewandert — und was tickt weiter, obwohl es aus der Liste gefallen ist?
Und die „German Angst“? Sie wird auch in diesem Jahr wieder bemüht werden, als Bestätigung oder als überwundenes Klischee. Beides führt in die Irre. Gesellschaften unterscheiden sich weniger darin, wie viel Angst sie „haben“, als darin, wie sie Unsicherheit organisieren: wem sie Ungewissheit zumuten, welche Gefühle als äußerbar gelten, wohin Beunruhigung kanalisiert wird — in Vorsorge, Versicherung, Wahlentscheidungen oder Feindbilder. Meine eigenen Ländervergleiche auf Basis des European Social Survey zeigen dabei keine erkennbaren Muster nach Geografie oder Wohlstand — ein deutscher Sonderweg der Angst lässt sich empirisch nicht belegen. Was die Zeitreihe zeigt, sind Konjunkturen einer Unsicherheitsordnung. Kein Nationalgemüt.
Wenn die neuen Zahlen erscheinen, werde ich deshalb nicht zuerst auf den Indexwert schauen, sondern auf die Auf- und Absteiger: Sie zeigen, wohin sich die Aufmerksamkeit gerade verlagert. Die Einordnung der Zahlen vom 1. Oktober steht hier: Was der Angstindex nicht misst.
Grundlage: R+V-Langzeitstudie „Die Ängste der Deutschen“ (ruv.de/newsroom; Frage- und Skalenwortlaut: Untersuchungsmethode 2025; Werte 2025: Pressemitteilung vom 18.9.2025). Die Einordnung stützt sich auf meine Soziologie der Angst (Springer VS 2017): Einschätzungsdimensionen der Angst, Unterscheidung von Sorge, konkreter Angst und Kontingenzangst; Langzeitanalysen der Sorgen- und Gefühlsfragen des Sozio-oekonomischen Panels und Ländervergleiche mit dem European Social Survey (Kap. 8). — Für Einordnungen, Zitate oder Hintergrundgespräche zur Studie: kontakt@maxdehne.de.
Bei Recherche und Überarbeitung dieses Textes kam KI zum Einsatz.