Dr. Max Dehne — Texte

Was der Angstindex nicht misst

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R+V meldet ein „erstaunlich geringes“ Angstniveau, während die größte Einzelsorge weiter wächst. Warum „größte Angst“ und „Angstniveau“ weniger aussagen, als die Schlagzeilen versprechen.

Jedes Jahr im Herbst bekommt Deutschland seine Angst gemessen. Seit 1992 legt die R+V-Versicherung rund 2.400 Menschen eine Liste von Themen vor, verdichtet die Antworten zu Prozentwerten, einer Rangliste und einem „Angstindex“, und jedes Jahr folgt dasselbe Ritual: Die Schlagzeilen erzählen die „größten Ängste der Deutschen“ nach, als Beruhigung oder als Alarm. In diesem Jahr liefert die Studie beides gleich selbst. „Das Angstniveau ist insgesamt erstaunlich gering“, heißt es in der Pressemitteilung: Der Index liegt bei 38 Prozent, ein Punkt über dem Vorjahr, nahe am ruhigsten Jahr der Reihe 2021 mit 36 und weit unter 2016 mit 52 Prozent. Zugleich stehen die Lebenshaltungskosten zum sechzehnten Mal auf Platz eins, 59 Prozent halten sie für bedrohlich. Ein Land, das sich erstaunlich wenig fürchtet und dessen größte Sorge noch einmal wächst: Beide Sätze stammen aus derselben Tabelle.

Die Zeitreihe selbst halte ich für wertvoll – sie ist eine der wenigen langen, disziplinierten Beobachtungen von Verunsicherung, die dieses Land hat. Ihre Bauweise aber lädt dazu ein, sie als Messung von Angst zu lesen, und an dieser Stelle geht etwas schief. Drei Verwechslungen wiederholen sich Jahr für Jahr, auf drei Ebenen: beim einzelnen Thema, bei der Rangliste und beim Durchschnitt. Die beiden letzten betreffen, was die Schlagzeilen am liebsten zitieren: die „größte Angst“ und das „Angstniveau“.

Die erste Verwechslung: Für bedrohlich halten ist nicht Angst haben. Zu jedem der 25 vorgelegten Themen sollen die Befragten „rein aus dem Gefühl“ angeben, „für wie bedrohlich Sie dieses Ereignis halten“; die Skala reicht von 1, „gar keine Angst“, bis 7, „sehr große Angst“. In einer Antwort stecken damit zwei Fragen: wie bedrohlich jemand ein Ereignis einschätzt und wie viel Angst er davor hat. Angst entsteht aus mehreren Einschätzungen zugleich: dass etwas bedroht ist, woran man hängt, dass die Lage ungewiss oder das Unheil wahrscheinlich erscheint und dass man ihm womöglich nichts entgegensetzen kann. Dasselbe Thema berührt dabei bei verschiedenen Menschen Verschiedenes, bei der Umwelt die eigene Gesundheit, die Kinder oder den Arbeitsplatz. Wie wahrscheinlich das Ereignis erscheint, bleibt im Wort „bedrohlich“ verborgen, und nach Kontrolle wird gar nicht gefragt.

Wie viel daran hängt, zeigt in diesem Jahr das Klima. Nach einem Sommer mit Rekordhitze, Niedrigwasser und Waldbränden ist der Wert für Naturkatastrophen um neun Punkte auf 27 Prozent gefallen; der Klimawandel steht mit 30 Prozent auf Platz 20. Isabelle Borucki, Politikwissenschaftlerin an der Universität Marburg und wissenschaftliche Beraterin der Studie, sieht die Angst „offenbar durch Resignation überlagert“. Ebenso denkbar ist, dass die Geldsorgen das Thema verdrängt haben oder dass ein Teil der Befragten gelassener geworden ist. Gelassenheit, Resignation und Verdrängung ergeben auf dieser Skala dieselbe kleinere Zahl, und die Studie kann die drei nicht auseinanderhalten, weil sie weder nach Kontrolle noch nach dem Gefühl selbst fragt.

Der Fragebogen kennt zudem nur ein Gefühlswort. Wer über ein Thema wütend ist, kann das nur als große Angst ankreuzen. Dass die Politiker „von ihren Aufgaben überfordert“ seien, halten 48 Prozent für bedrohlich, sechs Punkte mehr als 2025; die Schulnote für die Politik sinkt von 3,8 auf 4,1, und R+V selbst spricht von Vertrauensverlust. Das ist zunächst ein Urteil über Kompetenz. Welches Gefühl daraus wird, hängt an der Zuschreibung: Wer meint, die Verantwortlichen könnten, tun es aber nicht, neigt zur Wut; wer meint, es könne niemand mehr steuern, zur Angst. Beide landen in derselben Spalte, obwohl es Hinweise aus der Wahlforschung gibt, dass Wut populistische Wahlentscheidungen eher vorhersagt als Angst. Mehr als eine Lesart ist das nicht; die Skala erlaubt nicht einmal, sie zu prüfen.

Die zweite Verwechslung: Die „größte Angst der Deutschen“ ist das am häufigsten hoch bewertete Thema. Niemand wird in dieser Studie gefragt, wovor er sich am meisten fürchtet, und niemand muss Themen gegeneinander abwägen. Jedes Thema wird für sich auf der Siebenerskala bewertet. Die Rangfolge entsteht erst in der Auswertung, indem man die Anteile der Werte 5 bis 7 nebeneinanderstellt; sie ist eine Darstellungsform der Ergebnisse. Dass die Lebenshaltungskosten auf Platz eins stehen, besagt also, dass dieses Thema von mehr Befragten hoch eingestuft wurde als jedes andere. Was dieselben Menschen auf Nachfrage als ihre größte Angst nennen würden, wurde nicht erhoben. Manches davon, etwa die Sorge um ein krankes Kind, steht nicht einmal auf der Liste.

Denn welche 25 Themen überhaupt zur Bewertung stehen, legen die Studienmacher fest, und über den Zuschnitt dieser Liste ließe sich streiten. Was nicht auf ihr steht, kann nicht vorkommen, auch nicht jene themenlose, diffuse Verunsicherung, die kein Thema ist, sondern eine Lage. Entscheidend ist zudem, woraus die Liste besteht: überwiegend aus Lageurteilen über Staat, Wirtschaft, Zuwanderung, Klima und Weltpolitik; Themen, die das eigene Leben unmittelbar treffen, sind wenige. Als ich für mein Buch die Sorgen-Fragen des Sozio-oekonomischen Panels mit der dort ebenfalls erfragten Häufigkeit erlebter Angst verglichen habe, hingen vor allem die existenziellen Themen damit zusammen, die eigene wirtschaftliche Lage oder die Gesundheit. Bei der Umwelt war der Zusammenhang sehr schwach, bei Zuwanderung und Kriminalität fehlte er ganz. Die Fragen dort sind anders gebaut, und R+V erhebt erlebte Angst nicht; welches ihrer Themen überhaupt mit Angst einhergeht, kann die Studie deshalb nicht prüfen. Was die Rangliste zeigt, ist etwas anderes: welche der vorgegebenen Themen gerade von vielen als bedrohlich eingestuft werden. Wenig ist das nicht.

Die dritte Verwechslung: Der Angstindex ist kein Angstniveau. Das Wort klingt nach einem Pegelstand, der steigt und fällt. Der Index ist ein Durchschnitt: Die Anteile, die bei jedem Thema „große Angst“ angeben, werden über alle Themen gemittelt. Damit wandert er mit der Liste. Wird ein Thema aufgenommen oder gestrichen, verschiebt sich der Index rein rechnerisch, ohne dass irgendjemand anders fühlen müsste. Er wird zudem von den Posten getragen, die am wenigsten über Angst aussagen: Steigt ein existenzielles Thema wie die Lebenshaltungskosten um sieben Punkte, während die vielen Lageurteile ruhig bleiben, meldet der Durchschnitt ein „erstaunlich geringes“ Niveau. Er verdeckt überdies die Verteilung. Ob hinter ihm eine Gesellschaft steht, die insgesamt so geblieben ist, wie sie war, oder eine, die sich in einen beruhigten und einen hochverunsicherten Teil spaltet, sieht man dem Mittelwert nicht an.

Und Sorgen bilden, gewissermaßen, einen Haushalt. Borucki sagt es selbst: „Im Zentrum stehen finanzielle Sorgen. Weil das Geld knapper wird, treten andere Ängste in den Hintergrund.“ Was in den Hintergrund tritt, drückt das Mittel nach unten, obwohl die Belastung nicht kleiner geworden sein muss, nur gebündelter. Mit demselben Durchschnitt widerlegt die Pressemitteilung schließlich die „German Angst“: „Regiert die ‚German Angst'? Der Durchschnitt aller abgefragten Ängste zeigt etwas anderes.“ Die Bestätigung des Klischees über den Mittelwert wäre so schief wie seine Widerlegung. Gesellschaften unterscheiden sich weniger darin, wie viel Angst sie „haben“, als darin, wie sie Unsicherheit organisieren: wem sie Ungewissheit zumuten, welche Gefühle sie zulassen, wohin sie Beunruhigung kanalisieren – in Vorsorge, in Versicherung, in Wahlentscheidungen, in Feindbilder oder in gemeinsame Verfahren. Darüber sagt der Mittelwert einer Themenliste nichts.

Was folgt daraus für den Umgang mit der neuen Welle? Zunächst, die Themenliste ernst zu nehmen und die Gefühlsdiagnose zu verweigern. Dass der Wert für eine schlechtere Wirtschaftslage um zehn Punkte auf 51 Prozent gestiegen ist, der stärkste Anstieg des Jahres, sagt: Das Thema gilt gerade als bedrohlich. Es sagt nicht, dass die Menschen zittern, und nicht, wie viele eher zornig sind. Dann, auf die Ränder zu schauen statt auf die Mitte: Wer stuft fast alles als bedrohlich ein, wer hat bei fast allem aufgegeben, und wer trägt jene Verunsicherung, die in keiner Themenliste auftaucht, weil sie kein Thema hat? Für die Politik schließlich hieße das, sich an Angst-Rankings nicht abzuarbeiten wie an Wahlprognosen. Verunsicherung ist bearbeitbar, wo sie auf Orientierung, Kontrollerfahrung und verlässliche Verfahren trifft, kaum dort, wo man ihr Beschwichtigung oder Übertrumpfung anbietet.

Die Ängste der Deutschen – das ist ein irreführend besitzanzeigender Titel. Gemessen wird, was die Deutschen für sagbar und bedrohlich halten, und richtig gelesen ist das die aufschlussreichere Größe: das Protokoll einer Unsicherheitsordnung. In diesem Jahr verzeichnet es, dass die Wirtschaft nach vorn gerückt und das Klima nach hinten gefallen ist, während draußen die Hitze Rekorde brach. Wie viel davon Angst war, wie viel Ärger, wie viel Resignation und wie viel Verdrängung, steht nicht darin.


Grundlage: R+V-Studie „Die Ängste der Deutschen 2026“, Pressemitteilung vom 1.10.2026 und Untersuchungsmethode (ruv.de/newsroom); Zitate von Isabelle Borucki aus der Pressemitteilung. Die Einordnung stützt sich auf meine Soziologie der Angst (Springer VS 2017): Einschätzungsdimensionen der Angst und Langzeitanalysen der Sorgen- und Angstfragen des Sozio-oekonomischen Panels. Die Vorab-Leseanleitung zur Studie: Bevor die Schlagzeilen kommen. — Für Einordnungen, Zitate oder Hintergrundgespräche: kontakt@maxdehne.de.

Bei Recherche und Überarbeitung dieses Textes kam KI zum Einsatz.