Labor
Vom Buch zur Simulation
Das Bewertungsnetz aus der Theorie läuft als Software. Sprachmodelle bewerten reale Nachrichten, das Netz zeigt, wie daraus Angst entsteht.
Simulation ausprobieren →Dr. Max Dehne · Soziologe
Ob und wovor Menschen Angst haben, hängt von sozialer Lage und Kultur ab. Das gilt ebenso für die Wege, mit Angst umzugehen, die eine Gesellschaft nahelegt, bereitstellt oder verwehrt. Ich erforsche diese Bedingungen und übersetze die Ergebnisse in Vorträge, Beratung und Software.
Soziologisches Modell der Angst
Empirie
Fünf Befunde aus der Dissertation „Soziologie der Angst“ (Springer VS 2017).
Kontingenzangst 1992–2013
Auf einer Skala von 1 bis 4 bewegt sich die Verunsicherung in Deutschland durchgehend zwischen 1,6 und 1,9. Für die Diagnose einer „Angstgesellschaft“ finden sich keine Hinweise.
Neu gezeichnet nach Dehne 2017. Werte aus der Originalgrafik abgelesen (±0,02). Gestrichelt: Lücken in der Zeitreihe.
Europäischer Vergleich 2012
Deutschland hat den zweitniedrigsten Wert der 29 Länder. Nur in Norwegen liegt das Angstniveau niedriger als in Deutschland. Der Einfluss von Einkommen und Geschlecht unterscheidet sich stark zwischen den Ländern.
Neu gezeichnet nach Dehne 2017. Werte aus der Originalgrafik abgelesen (±0,02).
Faktorenanalysen
Explorative und konfirmatorische Faktorenanalysen ergeben dieselben drei Typen. Sie erklären zusammen 62,2 % der Varianz.
Nach Dehne 2017, Originalgrafik der explorativen Faktorenanalyse.
Soziale Determinanten
Frauen berichten deutlich häufiger Angstempfindungen. Einkommen, Bildung, Alter und regionale Herkunft spielen eine geringe Rolle.
Qualitative Einordnung nach den hierarchischen Regressionen (Modelle 1–7), keine Messwerte. Die vollständige Tabelle: Originalgrafik.
Theorie
Soziale Lage, Kultur, Medien und Institutionen prägen vier Einschätzungen: Etwas Wichtiges gilt als bedroht, der Schaden erscheint wahrscheinlich oder die Lage ungewiss, das Geschehen scheint kaum kontrollierbar, und Emotionsnormen regeln, wer sich fürchten darf. Aus dem Zusammenspiel entsteht Angst, und die Bewältigung wirkt auf die Einschätzungen zurück. Wählen Sie einen Teil des Modells.
Zentrum
Angst entsteht, wenn etwas Wichtiges als bedroht gilt, der Schaden wahrscheinlich oder die Lage ungewiss erscheint und sich das Geschehen kaum kontrollieren lässt. Im Modell ist sie eine ungelöste Spannung zwischen solchen Bewertungen, kein diffuses Grundgefühl. Konkrete Angst richtet sich auf eine bestimmte Bedrohung, Kontingenzangst ist das Leiden an der Unbestimmtheit selbst.
Beide Formen schließen einander nicht aus. Im Labor als Bewertungsnetz simulierbar.
Zur Simulation im Labor →Das Modell orientiert sich an Theorien dynamischer Systeme und neuronaler Netzwerke: Die Einschätzungen bilden ein Netz sozial geprägter Bewertungen, in dem jedes Element eine Überzeugungs- und eine Wunschkomponente trägt, im Modell Ausprägung und Wichtigkeit genannt, dazu die Salienz als Wahrscheinlichkeit, überhaupt aktiviert zu werden. Sozial bedingt ist jede Station dieses Prozesses: die Einschätzungstendenzen, die Menschen aus Lage und Kultur in jede Situation mitbringen, das Wissen über konkrete Bedrohungen, die Rückwirkung bestehender Angst auf neue Einschätzungen und die Bewältigung.
Forschungslinie
Das Angstmodell ist an Theorien neuronaler Netze orientiert. KI hilft, das Modell zum Laufen zu bringen, und das Modell hilft, KI zu verstehen.
Labor
Das Bewertungsnetz aus der Theorie läuft als Software. Sprachmodelle bewerten reale Nachrichten, das Netz zeigt, wie daraus Angst entsteht.
Simulation ausprobieren →Emotions-KI
Gesichter und Stimmungswörter reichen nicht. Ohne sozialen Kontext greift Emotions-KI systematisch daneben.
Vortrag anfragen →KI-Sicherheit
Die Soziologie abweichenden Verhaltens macht Regelumgehung von Sprachmodellen vorhersagbar und prüfbar.
Weiterlesen →Im Labor: die Simulation als frei durchspielbare Demo mit Erläuterung der Theorie und ein Recherche-Assistent, der Fragen an eine kuratierte soziologische Literatursammlung mit Quellen- und Seitenbelegen beantwortet (Zugang auf Einladung).
Ins Labor →Einordnung: KI-Systeme fühlen nicht und wollen nichts. Es geht darum, Muster menschlichen Verhaltens in Trainingsdaten mit sozialwissenschaftlichen Werkzeugen sichtbar zu machen. Diese Arbeitslinien sind eigene Weiterführungen der „Soziologie der Angst“.
Zur Person
Soziologe gesellschaftlicher Verunsicherung: Forschung, Beratungspraxis und Technik.
Max Dehne hat Soziologie, Psychologie und Erziehungswissenschaften an der FU Berlin studiert und am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt promoviert (Dr. phil., magna cum laude; Gutachter: Hartmut Rosa und Gert G. Wagner). Seine Dissertation „Soziologie der Angst" (Springer VS 2017) ist die bislang systematischste deutschsprachige soziologische Untersuchung von Angst. Empirisch geprägt hat ihn zuvor die Arbeit beim Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) am DIW Berlin, wo er das Big-Five-Persönlichkeitsinstrument der Langzeitstudie mitentwickelt hat.
Neben der Forschung steht eine zweite Laufbahn in der Beratung: Ausbildung zum systemisch-integrativen Therapeuten, mehrjährige Praxis in systemischer Familienberatung und -therapie sowie sieben Jahre als Berater beim Kinder- und Jugendtelefon Berlin. Sein Forschungsthema hat er dabei immer wieder in die Beratungspraxis übersetzt — etwa als Leiter der Weiterbildung „Angst in der psychosozialen Beratung" (pro mente, Linz) und als Ausbilder zum Thema Angst für die Telefon- und E-Mail-Beratung der Diakonie. Er weiß also nicht nur, wie Angst gesellschaftlich entsteht, sondern auch, wie ihr Menschen im Beratungsgespräch begegnen.
Die dritte Laufbahn ist technisch: über 15 Jahre Erfahrung als Softwareentwickler, Product Owner und Projektleiter an der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis — von Blended-Counseling-Apps für die Soziale Arbeit über Serious Games für die Suchtprävention bis zur Leitung eines länderübergreifenden DigitalPakt-Schule-Projekts am Institut für Schulqualität der Länder Berlin und Brandenburg (ISQ), inklusive KI-gestützter Plattformentwicklung.
Diese Kombination aus Forschung, Beratungspraxis und Technik prägt die Arbeit an Emotionen & KI: Die Frage, wie sich soziale Bewertungsdynamiken modellieren lassen, beantwortet er nicht nur theoretisch — die Simulationen und Werkzeuge im Labor dieser Seite sind eigene Entwicklungen.

Publikation · Springer VS, 2017
Konzeptuelle Grundlagen, soziale Bedingungen und empirische Analysen
Die Dissertation entwickelt Grundlagen für eine systematische soziologische Untersuchung von Angst: ein interdisziplinär anschlussfähiges Konzept, ein dynamisches Prozessmodell und empirische Analysen zur historischen Entwicklung und sozialen Verteilung von Angst.
Zusammenarbeit
Einordnung und Interviews zu Angst, Verunsicherung, Vertrauen und Risikokommunikation, differenziert statt alarmistisch. Auch zu KI-Ängsten und auffälligem KI-Verhalten.
Vorträge und Keynotes, zum Beispiel „Angstgesellschaft? Warum wir genauer über Unsicherheit sprechen müssen.“
Fachvorträge, wissenschaftliche Kooperationen und Austausch zu Angstsoziologie, Risikokommunikation sowie Emotionen und KI.
Beratung zu Verunsicherung, Vertrauen und gesellschaftlichem Coping für Verwaltungen, Ministerien, Kommunen, Stiftungen, Bildungsinstitutionen und NGOs. Leitfrage: Was steht für Menschen auf dem Spiel, wem vertrauen sie, und was glauben sie kontrollieren zu können?
Auch für Organisationen in Transformationsprozessen: Welche Bewältigungsformen entstehen aus Verunsicherung? Hintergrund: systemische Beratungsausbildung mit mehrjähriger Praxis sowie Projektleitungserfahrung in Verwaltung und Drittmittelprojekten.
| Format | Umfang | Inhalt |
|---|---|---|
| Impulsvortrag | 60–90 Min. | Für Führung, Teams oder Fachpublikum |
| Analyse-Workshop | halb-/ganztägig | Ein konkretes Thema entlang des Modells |
| Beratungsmodul | 2–6 Wochen | Analyse, Workshop, Handlungsempfehlungen |
| Monitoring | nach Absprache | Forschungsnahe Beobachtung von Diskursen oder Veränderungsprozessen |
Warum Verunsicherung ein Einfallstor für Desinformation ist — und welche Rolle Kontroll- und Vertrauensverlust bei Polarisierung spielen.
Wie Institutionen über Bedrohungen sprechen können, ohne Angst zu verstärken: Ungewissheit kommunizieren, Kontrollierbarkeit realistisch einordnen.
Wie Organisationen mit Kontrollverlust und Ungewissheit umgehen — von Vermeidungsroutinen bis zu produktiver Bewältigung.
Wie Gruppen und Gesellschaften Angst verschieben, beruhigen, verstärken oder politisch nutzen: Coping, Umdeutung, Schuldzuschreibung, Kontrollsuche.
Differenzierte Analyse statt Alarmismus: Welche Ängste wachsen tatsächlich, welche nicht — und was folgt daraus für Politik und Öffentlichkeit?
Ein netzwerkbasiertes Modell dynamischer Bewertungsprozesse als soziologischer Bezugspunkt für die Debatte um Emotionen, LLM-Verhalten und KI-Sicherheit.
Pressefoto auf Anfrage. Keine Psychotherapie und keine individuelle Behandlung von Angststörungen: Es geht um gesellschaftliche, institutionelle und kommunikative Formen des Umgangs mit Angst.
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