Fachvortrag

Die Zirkulation der Angst — Gegen die Ansteckungsmetapher

Angst steckt nicht an wie ein Virus, sie fließt entlang sozial gebauter Verbindungen. Zehn Thesen zu einer Übertragungstheorie kollektiver Angst — mit einem Messprogramm.

Fachvortrag für ein wissenschaftliches Publikum — 45 Minuten Vortrag + 30–45 Minuten Diskussion. Zielkontexte: DGS-Sektionen Soziologie der Emotionen, Medien- und Kommunikationssoziologie, Wissenschafts- und Techniksoziologie (Risiko), politische Soziologie; Kolloquien.

Eine Metapher regiert

„Die Angst geht viral.“ „Panik erfasst die Märkte.“ „Die Verunsicherung greift auf die Mitte über.“ Drei Formulierungen, wie sie sich in fast jeder Nachrichtenwoche finden, und alle drei stammen aus demselben Bildfeld: dem der Infektionskrankheit. Seit Le Bons Massenpsychologie beschreiben wir die Bewegung von Angst in der Sprache der Ansteckung, und das Bild ist so erfolgreich, dass kaum noch auffällt, dass es ein Bild ist. Es beantwortet die entscheidende Frage nicht; es ersetzt sie. Wie genau kommt die Angst von dort nach hier?

Die Metapher trägt drei Annahmen mit sich, die selten ausgesprochen werden. Übertragung geschehe durch bloße Exposition — wer Kontakt hat, wird angesteckt. Der Empfänger sei Wirt und nicht Deuter; Übertragung wäre demnach ein Erleiden, kein Einschätzen. Und Angst breite sich richtungslos aus wie ein Erreger in einer ungeimpften Bevölkerung — daher „frei flottierend“, daher „Angstgesellschaft“. Gegen diese drei Annahmen setze ich im Folgenden eine Übertragungstheorie, die sich in einem Satz vorwegnehmen lässt: Angst ist nicht ansteckend wie ein Virus, sie ist leitfähig wie ein Netz, und die Leitungen sind sozial gebaut.

Eine Lücke in der Theorielandschaft

Soziologische Erklärungen für die Entstehung und Verbreitung von Angst beruhen zu weiten Teilen auf impliziten Annahmen über emotionale Mechanismen: Übertragungs- und Generalisierungseffekte werden postuliert, eine nähere Auseinandersetzung fehlt.¹ Beck, Bauman und Furedi unterstellen sämtlich Übertragung — als latenten Risikoverdacht, als „frei flottierende“ Angst, die sich an beliebige Themen hefte, als Selbstverstärkung einer bereits bestehenden Angstgesellschaft. Offen bleibt bei allen dreien, ob es diese Effekte überhaupt gibt, ob sie wahllos oder domänenspezifisch wirken und ob kognitive oder emotionale Prozesse sie tragen.² Die Literatur zu emotionaler Ansteckung und kollektiven Emotionen — Hatfield, Parkinson, von Scheve — hat den Mechanismus auf der Mikroebene untersucht, aber nicht mit einer Theorie sozialer Einschätzung verbunden.³ Diese Verbindung ist der Gegenstand der folgenden zehn Thesen. Ihr theoretischer Rahmen ist ein einschätzungstheoretisches Angstmodell: Angst entsteht aus Bewertungen bedrohter Identifikationsobjekte, von Ungewissheit, Kontrollierbarkeit und Emotionsnormen, und diese Bewertungen sind sozial bedingt. Was für die Entstehung gilt, muss sich auch für die Übertragung ausbuchstabieren lassen.

Der heimliche Mechanismus der Angstdiagnosen

Den Anfang macht eine Metaphernkritik: Die Ansteckung ist der unausgesprochene Mechanismus fast aller Angstgesellschafts-Diagnosen. Solche Diagnosen kennen zwei Wege von der einzelnen Angst zur Gesellschaftsangst — Übertragungs- und Generalisierungseffekte einerseits, Angstentstehung im Zuge von Bewältigungsprozessen andererseits.⁴ Besonders deutlich erscheint die Übertragung dabei als sich selbst verstärkende Wirkung der bereits bestehenden Angstgesellschaft: Die Diagnose braucht die Ansteckung, um von der Einzelangst zur Kollektivangst zu gelangen.⁵ Diese Brücke wird nirgends gebaut, nur behauptet. Wer „Angstgesellschaft“ sagt, schuldet eine Übertragungstheorie.

Leitfähigkeit statt Ansteckung

Der positive Kern der Thesen liegt in der zweiten. Übertragung ist kein Infektionsereignis, sondern ein Einschätzungstransfer: Eine bestehende Angst verändert die Einschätzung weiterer Situationen — selbstverstärkend, indem die auslösende Situation im Verlauf bedrohlicher erscheint, und übergreifend, indem weitere Situationen angstcharakteristisch eingeschätzt werden. Zwei Wirkwege tragen das: die Aktivierung von Gedächtnisinhalten und die Selbstwahrnehmung der eigenen Angst, die zur Grundlage der nächsten Einschätzung wird.⁶ Wie stark dieser Transfer ausfällt, hängt maßgeblich vom subjektiven inhaltlichen Zusammenhang zwischen auslösender und einzuschätzender Situation ab. Die Einschätzung weist domänenspezifische Tendenzen auf; je mehr gemeinsame Merkmale zwei Situationen teilen — bedrohte Identifikationsobjekte, Gefahreneigenschaften wie Unsichtbarkeit (Strahlung ist das klassische Beispiel), geteilte Einschätzungsdimensionen —, desto wahrscheinlicher wird der Transfer.⁷

Die soziologische Pointe steckt im nächsten Schritt: Diese inhaltlichen Beziehungen sind sozial gebaut. Assoziationen entstehen durch Erfahrung oder Informationsvermittlung, durch gleichzeitiges Auftreten oder aktive Verknüpfung. Die verbreitete diskursive Verbindung von Arbeitslosigkeit und sozialen Minderheiten macht eine Generalisierung der einen Angst auf die andere wahrscheinlich; zwischen Klimawandel und politischer Repression wird ein solcher Zusammenhang kaum hergestellt, und entsprechend selten springt die Angst dort über.⁸ Wer beide Themen in den Nachrichten nebeneinander liest, hat also keineswegs automatisch die eine Angst mit der anderen im Gepäck. Die Verbindung muss vorher gelegt worden sein — durch wiederholte gemeinsame Nennung, durch politische Rede, durch die Erfahrung, dass das eine mit dem anderen zusammenfiel.

Von den drei Annahmen der Metapher bleibt damit wenig übrig. Exposition allein überträgt nichts, solange kein inhaltlicher Zusammenhang besteht; der Empfänger schätzt ein, statt nur zu erleiden; und die Ausbreitung hat eine Richtung, weil die Leitungen eine haben. Das Bild kippt von Erreger und Wirt zu Netz und Leitung. Ich nenne die Eigenschaft, um die es geht, Leitfähigkeit — aus dem einfachen Grund, dass sie das Gegenteil dessen benennt, was die Ansteckungsmetapher unterstellt: Angst fließt dorthin, wohin Leitungen gelegt wurden, und Leitungen legen Akteure. Die Netzsprache ist dem Modell dabei nicht übergestülpt. In seinem konnektionistischen Kern zirkuliert Aktivierung buchstäblich zwischen Knoten, bis das Netz in einen hinreichend konsistenten Attraktorzustand relaxiert;⁹ die Zirkulationssprache liest diese Prozesslogik lediglich eine Ebene höher. Die Lizenz dafür liefert die Skaleninvarianz des Modells: Dieselben Einschätzungsdimensionen gelten von der einzelnen Bewertung über Gruppen bis zum öffentlichen Diskurs.¹⁰

Was die Emotionsnormen durchlassen

Die Ansteckungsmetapher kennt zwei Variablen: Exposition und Empfänglichkeit. Das Modell kennt deutlich mehr. Aus der Emotionspsychologie lässt sich ein ganzer Satz von Rahmenbedingungen emotionaler Einflüsse referieren — Salienz, Repräsentativität, persönliche Relevanz, Deutungsoffenheit, kognitive Kapazität und Motivation.¹¹ Als dritte These behaupte ich, dass diese Moderatoren soziologische Variablen sind und keine psychologischen Konstanten. Motivation, Relevanz und Salienz hängen eng mit der kulturellen und sozialstrukturellen Verteilung von Emotionsnormen zusammen: Gilt Angst als illegitim, besteht Motivation, ihren Einfluss nicht zuzulassen; ihre zugeschriebene Relevanz sinkt; ihre Salienz bleibt mangels Thematisierung gering.¹² Klare Deutungs- und Handlungsnormen mindern emotionale Effekte, Umbrüche, Komplexität und strittiges Wissen erhöhen sie, und Zeitdruck — real oder inszeniert — schaltet die Prüfung ab.¹³

Emotionsnormen arbeiten damit gewissermaßen als Schleusen des Netzes. Sie entscheiden nicht erst über den Ausdruck von Angst, sondern darüber, ob eine ankommende Angst überhaupt als Information über die nächste Situation verwendet wird. Übertragung ist normregulierte Verwendung, kein passives Erleiden. Milieus unterscheiden sich dann weniger darin, wie viel Angst bei ihnen ankommt, als darin, was sie durchlassen.

Wer die Verbindungen baut

Wenn Übertragung an sozial gebaute Assoziationen gebunden ist, wird die Frage, wo und von wem Assoziationen gebaut werden, zur Infrastrukturfrage — die vierte These. Bedrohungsinformationen sind Gegenstand sozialer Aushandlung auf drei Ebenen, in Begegnungen, auf öffentlichen Veranstaltungen und in den Massenmedien, wobei die Massenmedien als zentrale Diskursarenen fungieren.¹⁴ In modernen Gesellschaften ist die Erzeugung und Vermittlung von Bedrohungsinformationen weitgehend massenmedial vermittelt und von den Interessen und Mitteln der beteiligten Akteure abhängig.¹⁵ Und Kulturen liefern tradierte Gefahrenwissensbestände, aus denen neue Ängste gebaut werden: Die Panik um satanischen Missbrauch setzte auf christlichen Deutungsmustern auf, und Koro, das kulturgebundene Syndrom, ist ohne den Wissensbestand, in dem es zirkuliert, gar nicht denkbar. Dass Massenmedien dabei nicht zwangsläufig Panik machen, zeigen die Medienanalysen; die Karikatur der Medien als bloße Verstärker trifft die Sache nicht.¹⁶

Digitale Plattformen sind unter dieser Beschreibung ebenfalls mehr als Verstärker, allerdings in einem anderen Sinn. Sie stellen am laufenden Band Verbindungen her — durch Empfehlung, Trend, Nachbarschaft im Feed —, also Ko-Okkurrenzen, und damit eben das Material, aus dem Leitfähigkeit entsteht. Die neuere Forschung zu digitaler Emotionsübertragung und zur bevorzugten Verbreitung moralisch-emotionaler Inhalte in Netzwerken beschreibt empirisch, was aus dieser Theorie heraus zu erwarten ist.¹⁷ Bemerkenswert sind dabei ihre notorisch kleinen und kontextabhängigen Effekte, schon beim viel diskutierten Facebook-Experiment von Kramer und Kollegen. Aus Sicht der Ansteckungsmetapher sind sie ein Rätsel. Aus Sicht der Übertragungstheorie sind sie die Signatur der Emotionsnormen: Ansteckung ohne Repräsentativität und Übertragung ohne Normregulierung gibt es nicht, auch nicht online.

Übersetzung zwischen Angstformen

Für die Ansteckungsmetapher gibt es nur einen Übertragungstyp, den von Träger zu Träger. Die Unterscheidung von konkreter Angst und Kontingenzangst erlaubt dagegen eine Übersetzungsgrammatik mit vier Richtungen, und darin besteht die fünfte These. Kontingenzangst kann in konkrete Angst übersetzt werden — diffuse Orientierungslosigkeit heftet sich an Kriminalität, Epidemien oder den Klimawandel. Konkrete Angst kann in Kontingenzangst übergehen — eine Krankheitsangst verunsichert auch unbekannte soziale Situationen. Konkrete Angst kann auf andere konkrete Angst überspringen, und Kontingenzangst auf andere Kontexte.¹⁸ Ein Sonderfall der ersten Richtung ist die Attribution auf Akteure und Gruppen: Die Übertragung diffuser Verunsicherung auf spezifische Angstobjekte reduziert Komplexität und Ambivalenz und hat insofern Bewältigungsfunktion; die Kriminalitätsangst ist das klassische Beispiel für eine solche Fläche, auf der sich Unbestimmtes bündeln lässt. Hier berührt die Übertragungstheorie die Sündenbock-Mechanik.¹⁹

Diagnostisch folgt daraus: Was öffentlich als „neue Angst“ erscheint, ist häufig alte Angst in neuer Übersetzung. Die Frage „Woher kommt plötzlich die Angst vor X?“ ist dann falsch gestellt. Richtig gestellt lautet sie: Aus welcher Form wurde hier übersetzt, und wer hat die Übersetzung angeboten?

Der Personenkanal ist schmaler als gedacht

Die Übertragungstheorie bestreitet nicht, dass es unmittelbare zwischenmenschliche Übertragung gibt. Sie vermisst deren Kanal, und das ist die sechste These. Die Befundlage ist klar: Mimischer Ausdruck hat kommunikative Funktion, emotionale Ansteckung ist über unwillkürliche Nachahmung möglich, selbst bei unterschwelliger Exposition.²⁰ Eine Einschränkung wird dabei meist überlesen. Die Nachahmung negativer Ausdrücke ist kontextabhängig und wurde vor allem innerhalb der Eigengruppe beobachtet — ein Hinweis auf kontextsensitive kognitive Prozesse mitten im vermeintlich automatischen Geschehen.²¹ Modelllernen wiederum erklärt den Erwerb von Angst durch Beobachtung, verschiebt die Entstehungsfrage aber nur: Die Beobachteten müssen ihre Angst ihrerseits irgendwoher haben.²²

Daraus ergeben sich zwei Kanäle. Der Personenkanal — Ansteckung, Nachahmung, Modelllernen — ist schnell und körpernah, aber schmal, an die Eigengruppe gebunden und normreguliert. Der Themenkanal — Einschätzungstransfer entlang von Assoziationen — ist langsamer, dafür reichweitenstark und abhängig von der Infrastruktur, in der Assoziationen gebaut werden. Für die Gegenwart heißt das: In segmentierten Öffentlichkeiten folgt schon der Personenkanal den Lagergrenzen. Affektive Polarisierung bedeutet dann keine „Mehr-Ansteckung“, sondern kanalisierte Zirkulation — hohe Leitfähigkeit innerhalb der Lager, Isolation zwischen ihnen.

Das emotionale Klima

Auf der Kollektivebene interessiert weniger die einzelne Übertragung als der stabilisierte Zustand des Netzes. Dafür bietet sich das Konzept des emotionalen Klimas von De Rivera und Paez an: Ein soziales Klima der Angst kann bewirken, dass Unbestimmtheit und Kontingenz überhaupt erst als Bedrohung wahrgenommen werden — was unter anderen kollektiven Befindlichkeiten nicht geschähe.²³ Zwei belegte Teilwirkungen treiben diesen Zustand: Angst lässt Situationen ungewisser erscheinen, und sie lässt Ungewisses bedrohlich erscheinen; zusammen ergeben sie den sich selbst verstärkenden Effekt.²⁴ Der Fremde, von Simmel über Schütz bis Bauman die soziale Kategorie des Unbestimmten, wird unter einem Angstklima systematisch zum Bedrohlichen.²⁵

Die siebte These liest ein solches Klima als Zustand der Zirkulation selbst — ein Netz, das in einen kollektiven Attraktor gelaufen ist, in dem Mehrdeutiges bevorzugt als Gefahr verarbeitet wird — und eben nicht als Summe vieler Einzelängste, wie es die Angstgesellschafts-Diagnostik mit ihrem Aggregatfehler tut. Was die Forschung zu „affective publics“ beschreibt, Öffentlichkeiten, die über geteilte Affekte statt über geteilte Themen zusammenhalten, lässt sich in diesem Sinn als mediengestützte Klimabildung reformulieren.²⁶ Zugegeben: Von den zehn Thesen ist diese die weichste, weil das Klimakonzept selbst weich ist. Die übrigen Thesen stünden auch ohne sie.

Ängste verdrängen einander

Die Viralitäts-Rhetorik suggeriert unbegrenztes Wachstum. Tatsächlich priorisieren sich Ängste untereinander: Wichtige Bedrohungen verdrängen — psychisch wie im öffentlichen Diskurs — weniger wichtige. Ein bewusst unfeierliches Beispiel: Die Terrorangst verdrängt die Angst vor Arbeitslosigkeit, und die verdrängt die Angst vor dem Abstieg des eigenen Fußballvereins.²⁷ Eine angstbesetzte Thematik fordert Vorrang ein; die Selektion bedrohlicher Informationen mündet in eine Selbstverstärkung des jeweils Salienten²⁸ — zulasten des Rests. In den Sorgen-Zeitreihen des Sozio-oekonomischen Panels zeigt sich die Kehrseite: Hinter dem Absinken bestimmter Sorgen, etwa der Kriminalitätssorge, und dem Anstieg anderer, etwa der Sorge um die Wirtschaftslage, kann sich eine Übertragung verbergen — ein Wechsel der Projektionsfläche, keine veränderte Bedrohungslage.²⁹

Die achte These zieht daraus eine methodologische Konsequenz: Der Aufmerksamkeitsraum der Angst ist knapp, und Zeitreihen einzelner Sorgenitems messen unter Zirkulationsbedingungen keine Angstniveaus, sondern Umschichtungen im Netz. Wer aus einer sinkenden Kriminalitätssorge auf Beruhigung schließt, hat womöglich nur beobachtet, dass die Sorge weitergezogen ist. Die Nullsummen-Formulierung ist vielleicht zu stark; „knapper Vorrang“ wäre die vorsichtigere Fassung, und für das Argument reicht sie aus.

Zirkulation kann verbinden

Der Epidemie-Erzählung fehlt ein zweiter Ausgang. Dagegen steht ein Befund, der sich gegen die Anomietheorien richtet: Der angstbedingte Informationsbedarf lässt sich durch erhöhte Orientierung an der sozialen Umwelt und durch verstärkte Bedeutungsaushandlung in Kommunikation decken — Angst besitzt ein erhebliches soziales Integrationspotenzial.³⁰ Intensivierte Informationssuche kann über verstärkte Interaktion die soziale Integration erhöhen und relativiert das sonst so betonte desintegrative Potenzial.³¹ Auch die Wirkungsseite ist doppelgesichtig: Informationssuche findet unter Angst statt, kaum unter Wut, und Ängstliche zeigten nach dem 11. September eine erhöhte Risikowahrnehmung, neigten aber zu konzilianten, abwägenden Reaktionen — im Gegensatz zu Wütenden, die Vergeltung befürworteten.³² Eine zirkulierende Angst ist also zunächst einmal ein zirkulierender Orientierungsbedarf, und was aus ihm wird, hängt davon ab, wo er gedeckt wird.

Die neunte These formuliert das als Bedingung: Ob Zirkulation spaltet oder verbindet, ist eine Eigenschaft der Infrastruktur und keine der Angst. Geteilte Arenen mit gemeinsamer Bedeutungsaushandlung machen aus demselben Orientierungsbedarf Integration; segmentierte Kanäle machen daraus Lagerbildung. Die Gestaltungsfrage bekommt damit einen präzisen Ort. Sie setzt an den Arenen an, nicht an der Emotion.

Angstpolitik als Arbeit an Verknüpfungen

Wer Assoziationen baut oder kappt, regiert die Leitfähigkeit. Die zehnte These verlagert deshalb den Ort der Angstpolitik: Der wirksamste Eingriff in kollektive Angst ist nicht die Erzeugung von Bedrohungsinformation, also die Arbeit an den Knoten, sondern der Bau und Rückbau von Verknüpfungen, die Arbeit an den Kanten. Welche Bedrohungsinformationen zirkulieren, hängt von Interessen und Mitteln der Akteure ab. Ein Beispiel sind die sogenannten Helikopter-Eltern: Zu welchen Gefahren für Kinder Bedrohungswissen überhaupt in Umlauf kommt, entscheiden nicht zuletzt wissenschaftliche Akteure — und damit, welche konkreten Elternängste entstehen können.³³ Einige Akteure, vor allem aus Wirtschaft und Politik, vermitteln bevorzugt kontrollierbar erscheinende Bedrohungen, und in den Diskursarenen wird die Deutung der Einschätzungsdimensionen selbst ausgehandelt;³⁴ die Assoziation von Arbeitslosigkeit und Minderheiten ist das Musterbeispiel einer politisch gebauten Leitung.³⁵

Die Forschung zur medialen Themensetzung hat einen Teil davon längst beschrieben, aber nur den Teil, der die Knoten betrifft: Sie erklärt, warum einzelne Themen salient werden. Die Übertragungstheorie erklärt den Transfer zwischen Themen und dessen emotionale Mechanik. Beides ergänzt sich; redundant ist es nicht.

Drei Folgerungen ergeben sich daraus. Die Faktencheck-Strategie greift systematisch zu kurz, weil sie Knoten korrigiert, während die Angst über Kanten fließt — eine widerlegte Behauptung lässt die gebaute Assoziation intakt. Entwarnung müsste als Arbeit an Verknüpfungen konzipiert werden: als Entkopplung von Themen, die diskursiv verschweißt wurden, und als Aufbau alternativer Leitungen, etwa von diffuser Wirtschaftsangst zu adressierbaren Verfahren statt zu Gruppen. Und normativ wird Übertragungsinfrastruktur zum Gegenstand von Medien- und Risikokommunikationspolitik, deren Ziel weniger darin läge, Panik zu verhindern, als darin, Leitfähigkeit sichtbar zu machen: Wer hat diese Verbindung wann in Umlauf gebracht, und was verbindet sie wirklich? Zu den drei Prüffragen, die ich an Angstpolitik richte, tritt damit eine vierte: Wer hat diese Leitung gelegt?

Zwei Einwände

Der naheliegendste Einwand lautet, hier werde nur eine Metapher durch eine andere ersetzt — Netz statt Virus, wo bleibt der Fortschritt? Der Fortschritt liegt in der Variablenstruktur. Die Ansteckungsmetapher kennt Exposition und Empfänglichkeit; die Übertragungstheorie benennt Moderatoren, Richtungen, Kanäle und Infrastruktur — lauter messbare, sozial verteilte Größen. Sie sagt, unter welchen Bedingungen eine Angst nicht überspringt, und das kann die Virusmetapher nicht. Eine Metapher, die Hypothesen erzeugt und Widerlegung zulässt, ist keine Metapher mehr, sondern ein Modell. Hinzu kommt, dass die Netzsprache dem Modell nicht übergestülpt ist; sie ist, wie oben gezeigt, seine eigene Prozesslogik.

Ernster ist ein empirischer Einwand: Der Befund von Johnson und Tversky spreche gegen die Domänenspezifik — Angst generalisiere eben doch wahllos. Die Studie legte inhaltsunabhängige Effekte nahe; die Folgebefunde aber — induzierte Prüfungsangst erhöht die eingeschätzte Wahrscheinlichkeit zu versagen stärker als die, ausgeraubt zu werden, und Phobien gehen mit inhaltsspezifischen Aufmerksamkeitseffekten einher — stützen die Domänenspezifik, und entscheidend bleibt der subjektive inhaltliche Zusammenhang.³⁶ Die verbleibende unspezifische Restkomponente ist für die Übertragungstheorie sogar produktiv. Sie entspricht der Klimawirkung: ein schwacher Basisstrom neben den starken, gebauten Leitungen.

Zuzugeben ist darüber hinaus, dass die Moderatorenbefunde experimentell gewonnen sind und ihre Übertragung auf Diskursebenen eine theoretische Entscheidung darstellt. Sie ist nicht stillschweigend getroffen — die Skaleninvarianz begründet sie —, aber sie macht aus den Makro-Aussagen, der Infrastruktur-, der Klima- und der Politik-These, abgeleitete Hypothesen, keine Befunde. Der Preis dafür ist ein Messprogramm.

Wie sich Zirkulation beobachten lässt

Eine Theorie, die nicht sagt, woran sie scheitern kann, wäre keine. Vier Wege bieten sich an. Assoziationen lassen sich kartieren: Ko-Okkurrenz-Netzwerke von Bedrohungsthemen in Medien- und Plattformkorpora über die Zeit; die Hypothese lautet, dass Einschätzungstransfer zwischen zwei Themen eine messbare vorgängige Ko-Okkurrenz voraussetzt und Transfers ohne Assoziationsgeschichte selten und klimatypisch schwach bleiben. Emotionsnormen lassen sich milieuvergleichend erheben — Legitimität, Relevanzzuschreibung, Thematisierungsbereitschaft von Angst — mit der Erwartung, dass identische Bedrohungsinformation entlang der Normprofile systematisch verschieden stark übertragen wird. Sorgenitem-Zeitreihen aus SOEP oder ESS lassen sich statt itemweise als Umschichtung eines ganzen Sorgenportfolios auswerten, mit Summen-, Verschiebungs- und Kopplungsmaßen; erwartbar wäre eine negative Kovariation zwischen verdrängenden und verdrängten Sorgen bei stabiler Gesamtlast.³⁷ Und geteilte lassen sich mit segmentierten Diskursarenen vergleichen — Lokalöffentlichkeiten etwa mit plattformsegmentierten Öffentlichkeiten — auf den Ausgang der Zirkulation hin: gleicher Orientierungsbedarf, divergente Richtung.

Solange wir „Ansteckung“ sagen, behandeln wir kollektive Angst wie Wetter: Man kann sich unterstellen und abwarten. Sobald wir „Zirkulation“ sagen, wird sie zu etwas Gebautem, mit Leitungen und Bauherren, und damit zu etwas, für das jemand verantwortlich ist. Ob das mehr ist als eine Umbenennung, entscheidet sich an den vier Wegen. Am nächsten liegt der dritte: Die Sorgenreihen sind vorhanden, und ob hinter der sinkenden Kriminalitätssorge und der steigenden Wirtschaftssorge tatsächlich eine Umschichtung steckt, habe ich in meiner eigenen Auswertung nur als Vorbehalt notiert. Gerechnet habe ich es nicht.


Anmerkungen

  1. Soziologie der Angst (2017), S. 13.
  2. S. 16 (latenter Risikoverdacht, „frei flottierende“ Angst); S. 99–100 (offene Fragen: Existenz, Wahllosigkeit oder Domänenspezifik, kognitive oder emotionale Träger).
  3. S. 240 (Hatfield et al. 1994, Parkinson 1996, von Scheve 2010); ebd. Fn. 164 zum zurückgestellten Modelllernen.
  4. S. 87.
  5. S. 88.
  6. S. 310; S. 319 (Angst „verstärkt und reproduziert sich selbst“).
  7. S. 317–318; S. 318 Fn. 234 (Beispiel Strahlung/Unsichtbarkeit).
  8. S. 318–319.
  9. S. 353.
  10. S. 372–373 und S. 458.
  11. S. 315–316; S. 453.
  12. S. 316.
  13. S. 316–317.
  14. S. 251 (drei Ebenen nach Gerhards/Neidhardt).
  15. S. 450.
  16. S. 243–244 (Tudor; Satanic Abuse; Koro als kulturgebundenes Syndrom); S. 249 Fn. 175 (Medienanalysen zeigen keine notwendige Panikmache).
  17. Amit Goldenberg / James J. Gross, „Digital Emotion Contagion“, Trends in Cognitive Sciences 24(4), 2020; William J. Brady / Julian A. Wills / John T. Jost / Joshua A. Tucker / Jay J. Van Bavel, „Emotion shapes the diffusion of moralized content in social networks“, PNAS 114(28), 2017, S. 7313–7318; Adam D. I. Kramer / Jamie E. Guillory / Jeffrey T. Hancock, „Experimental evidence of massive-scale emotional contagion through social networks“, PNAS 111(24), 2014, S. 8788–8790.
  18. S. 312.
  19. S. 331–332.
  20. S. 163; S. 166.
  21. S. 167 Fn. 109 (Dimberg).
  22. S. 239–240 und Fn. 164.
  23. S. 313 (De Rivera/Paez).
  24. S. 312–313; S. 313 Fn. 227.
  25. S. 313.
  26. Zizi Papacharissi, Affective Publics: Sentiment, Technology, and Politics, New York: Oxford University Press 2015.
  27. S. 313 Fn. 228.
  28. S. 313.
  29. S. 409 Fn. 275.
  30. S. 314.
  31. S. 454.
  32. S. 314 (Valentino et al.; Lerner et al.).
  33. S. 387; S. 450.
  34. S. 276.
  35. S. 319.
  36. S. 317 Fn. 233 (Johnson/Tversky); S. 318 (Prüfungsangst-Experiment, phobiespezifische Aufmerksamkeitseffekte).
  37. S. 409 Fn. 275; S. 274 Fn. 191 (Lengfeld/Hirschle: mediale Vermittlung von Verschlechterungen unterer Schichten erzeugt Abstiegsangst der Mitte — ein belegter themenübergreifender Transfer).

Grundlage: Soziologie der Angst (Springer VS 2017); die zehn Thesen führen das Modell zu einer Übertragungstheorie kollektiver Angst weiter. Die Arbeiten zu digitaler Emotionsübertragung und affektiven Öffentlichkeiten (Anmerkungen 17 und 26) werden im Buch nicht zitiert.


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Bei Recherche und Überarbeitung dieses Textes kam KI zum Einsatz.

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