Zwischenwerte — was eine bezifferte Ungewissheit mit der Angst macht
· Essay · Kurzfassung
Dreißig Prozent Regen machen niemandem Angst, dreißig Prozent Rückfallrisiko schon. Die moderne Gesellschaft beseitigt Ungewissheit selten, sie beziffert sie — und stellt dem Einzelnen damit eine Zahl zu, die auf der Achse der Angst alles andere als neutral ist.
Kurzfassung eines Essays. Die Langfassung mit Belegen kann auf Anfrage geliefert werden.
Die Wetter-App meldet dreißig Prozent Regen. Niemand hat deshalb Angst; man nimmt einen Schirm mit oder lässt es bleiben. Derselbe Wert in einem Arztbrief, als Wahrscheinlichkeit, dass ein behandelter Tumor wiederkommt, ist etwas völlig anderes. Die Zahl ist identisch. Was sich unterscheidet, ist alles andere: worum es geht, was man dagegen tun kann, und wo man vor dieser Zahl gestanden hat.
Der Vergleich macht die drei Einschätzungen sichtbar, aus denen Angst nach meinem Modell entsteht: Etwas Wichtiges, ein Identifikationsobjekt, wird als bedroht betrachtet; die Situation wird als ungewiss oder ein Ereignis als wahrscheinlich wahrgenommen; und die Situation erscheint als eventuell nicht kontrollierbar. In den meisten Texten über Angst verschwindet die zweite nach wenigen Zeilen, weil die Bedrohung die Wahrscheinlichkeit stillschweigend mitzubringen scheint. Dabei ist sie die eigentümlichste der drei.
Eine Achse mit zwei Richtungen
„Ungewiss oder wahrscheinlich": Das „oder" ist kein Zufall. Für die beiden Angstformen, die ich unterscheide, läuft dieselbe Dimension in entgegengesetzte Richtungen. Die konkrete Angst, die Angst um etwas Bestimmtes aufgrund einer bestimmten Bedrohung, wächst mit der Wahrscheinlichkeit des schädlichen Ereignisses. Die Kontingenzangst, das Leiden an der Unbestimmtheit selbst, ist dort am größten, wo nichts feststeht; formal liegt ihr Maximum bei fünfzig Prozent. Bis zur Mitte steigen beide Ängste gemeinsam, jenseits der Mitte trennen sie sich: Wer von fünfzig auf neunzig Prozent rückt, hat mehr konkrete Angst und weniger Kontingenzangst. Eine schlechte Nachricht, die die Lage klärt, tauscht also eine Angstform gegen eine andere. So lese ich die oft als paradox empfundene Erleichterung, wenn nach Wochen der Abklärung endlich eine Diagnose vorliegt, auch eine ernste. Und am Ende der Achse? Christian von Scheve und ich haben 2016 Befunde referiert, wonach Angst nach dem Eintritt von Arbeitslosigkeit rasch zurückgeht, während Traurigkeit bleibt. Angst gehört ins Intervall zwischen Möglichkeit und Eintritt. Wer vor einer Belegschaft ankündigt, der Umbau werde Stellen kosten, welche, stehe noch nicht fest, teilt darum keine Bedrohung mit. Er setzt einen ganzen Saal in die Mitte der Achse.
Die Zahl als Zumutung
Frank Knight hat 1921 beschrieben, wie Organisation Ungewissheit in messbares Risiko verwandelt, indem sie Fälle bündelt: Die Versicherung weiß nicht, wessen Haus brennt, sie weiß, wie viele. Die Kehrseite interessierte ihn nicht: Diese Gewissheit entsteht oben und bleibt oben. Der Versicherer erhält eine Erwartung, der Versicherte einen Zwischenwert. Das ist, so meine These, die stille Hauptleistung moderner Gesellschaften im Verhältnis zur Ungewissheit: Sie beseitigen sie kaum, sie beziffern sie. Vorsorge, Risikoscores, Prognosen, genetische Beratung stellen dem Einzelnen etwas, das vorher nicht gewusst wurde, als Zwischenwert zu, in bester Absicht und oft mit gutem Grund. Nur ist der Zwischenwert auf dieser Achse keine neutrale Größe. Er erzeugt erst das Objekt, denn nicht die Kontingenzwahrnehmung rückt Negatives ins Blickfeld, sondern das Risikowissen: Der Brief mit dem Rückfallrisiko macht aus einer Möglichkeit, an die man nicht dachte, ein Ereignis mit Wahrscheinlichkeit. Und er hält den Empfänger in der Mitte fest, denn ein Score wird jährlich neu berechnet. Vorausgesetzt, die Zahl wird geglaubt: Eine Prognose, die niemand glaubt, verschiebt niemanden.
Es gibt eine Lebenslage, in der das Maximum der Kontingenzangst keine Rechenfigur ist. Bei der erblichen Huntington-Krankheit kann ein Gentest die offene Frage, ob man die Anlage trägt, in ein Ja oder Nein verwandeln; heilbar ist die Krankheit bislang nicht. Aus der humangenetischen Beratung ist bekannt, dass viele Betroffene diesen Test nicht machen lassen. Das scheint meinem Modell zu widersprechen; nimmt man die dritte Einschätzung hinzu, wird es zur Bestätigung. Der Test verschiebt die zweite Einschätzung, die Kontrolle lässt er bei null: Wer ihn macht, tauscht die Kontingenzangst gegen nichts oder gegen eine konkrete Angst, deren Ereignis unbeeinflussbar ist. Von den fünf Regulationsstrategien, die ich 2024 skizziert habe, ist die Aufmerksamkeitslenkung die alltäglichste: nicht hinsehen, an anderes denken. In der Schwebe funktioniert sie, mühsam; bei Gewissheit nicht mehr. Die Ungewissheit ist die einzige Stelle der Achse, an der man noch wegsehen kann. Wer sie beziffert, nimmt dem Betroffenen diesen Spielraum, ohne einen anderen zu eröffnen.
Und die bezifferte Ungewissheit lässt sich nicht mehr behandeln wie die unbezifferte. Ich habe in der Dissertation an Eltern beschrieben, wie verfügbare Kontrolle zur normativen Erwartung wird: Wo ein Video-Babyfon im Regal liegt, erscheint sein Nichtgebrauch als Vernachlässigung. Für die Zahl gilt dasselbe, eine Einschätzung früher: Was bezifferbar ist, muss gewusst werden. Die Emotionsnorm dahinter hat einen Satz: „Man hätte es wissen können." Wo die Zahl Handlungsmöglichkeiten eröffnet, etwa beim Blutdruck, mag die Rechnung aufgehen. Wo nicht, bleibt nur die Angst. Und selbst Kontrolle liefert keine Gewissheit über ihren Erfolg.
Ich will die These nicht überdehnen. Dieselbe Wahrscheinlichkeit, die eine Bedrohung anzeigt, zeigt auch eine Chance an; wer dreißig hört, hört zugleich siebzig. Nur: Wer schon Angst hat, liest die dreißig. Wie Menschen eine mitgeteilte Wahrscheinlichkeit in eine eigene Überzeugung übersetzen, erfasst keine Erhebung, die ich kenne. In der humangenetischen Beratung, so erzählen es Beraterinnen, fällt am Ende fast immer dieselbe Frage: nicht, wie hoch das Risiko sei, sondern „Was würden Sie tun?" Die Beratung ist gehalten, sie nicht zu beantworten, und ich halte das für richtig. Man sollte nur sehen, was es bedeutet: Die Gesellschaft hat die Ungewissheit beziffert, die Kontrolle nicht erhöht, und sie überlässt dem Einzelnen die Arbeit an der einzigen Einschätzung, an der noch etwas zu bewegen ist.
Anlass: die Frage, warum dieselbe Prozentzahl je nach Absender Gleichgültigkeit oder Angst auslöst. Die Einordnung stützt sich auf mein Kapitel „Anomische Gefühle: Angst" (De Gruyter 2024), meine Soziologie der Angst (Springer VS 2017) und von Scheve/Dehne, „Anomie und Gefühl" (2016). Die Lesart der Ungewissheitsdimension als Achse mit zwei Richtungen und der Anschluss an Frank Knights Unterscheidung von Risiko und Ungewissheit (1921) führen das Modell weiter. Die Langfassung mit Belegen kann auf Anfrage geliefert werden (kontakt@maxdehne.de).
Bei Recherche und Überarbeitung dieses Textes kam KI zum Einsatz.