Wie Gesellschaften ihre Angst bewältigen
· Essay · Langfassung
Gesellschaften unterscheiden sich weniger darin, wie viel Angst sie haben, als darin, welche Wege der Bewältigung sie nahelegen, bereitstellen, verteilen und belohnen. Ich gehe die fünf Wege durch, vom Wegzug über die Sozialversicherung und das organisierte Wegsehen bis zum Sündenbock und zur Coolness, und frage, was jeder von ihnen der Öffentlichkeit, der Politik und der Verteilung von Sicherheit hinterlässt. Der Hebel liegt nicht bei denen, die Angst haben, sondern bei denen, die über die Wege entscheiden.
Was Gesellschaften mit ihrer Angst machen
Die Frage, wie viel Angst eine Gesellschaft hat, ist die meistgestellte und die am wenigsten ergiebige. Ich habe sie in meinem Buch mit Umfragedaten beantwortet, so gut es die Daten erlauben, und die Antwort war unspektakulär: Für Deutschland lässt sich seit den achtziger Jahren kein Anstieg der Ängste zeigen, und im europäischen Vergleich gehören die Deutschen zu den am wenigsten Ängstlichen. Die interessantere Frage schließt daran an. Was machen Gesellschaften mit der Angst, die sie haben?
In „Gesellschaft und Angst" habe ich beschrieben, wie Angst entsteht und warum dieselbe Lage in verschiedenen Lagen verschieden eingeschätzt wird; in „Was aus der Angst wird" bin ich den Folgen an einem einzelnen Betrieb nachgegangen. Hier will ich größer denken. Meine These ist, dass sich Gesellschaften weniger darin unterscheiden, wie viel Angst in ihnen umgeht, als darin, welche Formen der Bewältigung sie nahelegen, bereitstellen, verteilen und belohnen. Diese Formen haben Folgen, die weit über die Person hinausreichen, die ihre Angst loswerden will: für die Öffentlichkeit, für die Politik, für die Verteilung von Sicherheit, für Institutionen und Märkte, für das, was eine Gesellschaft über sich selbst wissen kann.
Ich sage vorweg, wie belastbar das ist. Die Bedingungen, unter denen Menschen den einen oder anderen Weg der Bewältigung nehmen, habe ich im Buch ausgearbeitet. Die gesellschaftlichen Folgen dieser Wege sind fast unerforscht; ich habe sie im Einführungsband zur Emotionssoziologie eine Terra incognita genannt, und mein Buch hört an der Stelle auf, an der sie beginnen. Was ich über die Folgen sage, sind deshalb Vermutungen, die aus dem Modell folgen und die man prüfen könnte. Von Angststörungen ist nicht die Rede; für sie ist die Medizin zuständig.
Das Modell: warum Bewältigung nicht nach der Angst kommt
Angst entsteht in meinem Modell aus drei Einschätzungen: Etwas Wichtiges, ein Identifikationsobjekt, gilt als bedroht; die Lage erscheint ungewiss oder ein Ereignis als wahrscheinlich; und die Situation wirkt eventuell nicht kontrollierbar. Emotionsnormen legen dazu fest, ob die Angst empfunden und gezeigt werden darf. Bewältigung setzt an diesen Einschätzungen an, und sie folgt der Angst nicht nach, sie steckt in ihr: Ob ich einer Bedrohung etwas entgegensetzen kann, ist schon eine der Einschätzungen, aus denen die Angst hervorgeht. Ich habe das Modell im Buch so gebaut, dass es nicht nur für Personen gilt, sondern ebenso für Deutungsprozesse in Milieus, Organisationen und Ländern. Daraus nehme ich mir die Lizenz für diesen Text.
Um zu ordnen, was mit der Angst geschieht, folge ich James Gross, der fünf Punkte unterscheidet, an denen die Regulation einer Emotion ansetzen kann. Man kann Situationen meiden oder aufsuchen (Situationsselektion). Man kann ihre Bedingungen verändern (Situationsmodifikation). Man kann die Aufmerksamkeit auf die Bedrohung richten oder von ihr abziehen (Aufmerksamkeitslenkung). Man kann die Situation neu bewerten (Umdeutung). Und man kann die Reaktion regulieren, den Ausdruck, den Atem, den Körper (Reaktion). Ich lege eine Achse durch die fünf: Die ersten beiden verändern die Lage, die beiden nächsten verändern die Einschätzung der Lage, die fünfte verändert, was andere von der Angst sehen. Für die Person mag es gleichgültig sein, welchen Weg sie nimmt. Für die Gesellschaft ist es das nicht. Wer die Lage verändert, hinterlässt eine andere Lage, oft auch für andere. Wer die Einschätzung verändert, hinterlässt die Lage, wie sie war.
Zwei Regeln aus dem Buch tragen alles Weitere. Menschen deuten erst dann um, wenn sich die Lage ihrer Einschätzung nach nicht verändern lässt; die Neubewertung ist der letzte Ausweg. Und die sozialen Bedingungen, aus denen die Angst entsteht, sind zugleich die Widerstände, an denen ihre Bewältigung sich bricht: Ressourcen, Deutungsnormen, die kulturelle Wichtigkeit von Gewissheit und Kontrolle, die Legitimität von Zuschreibungen. Welche Bewältigung eine Gesellschaft ausbildet, ist damit keine Frage des Nationalcharakters. Es ist eine Frage dessen, welche Wege sie gebaut hat und wem sie offenstehen.
Situationsselektion: Exit, Sortierung und die Räume der Gleichgesinnten
Die einfachste Bewältigung ist, dort nicht zu sein, wo die Angst entsteht. Im Buch habe ich Furedis Diagnose einer Kultur, die bedrohliche Situationen meidet, als Situationsselektion eingeordnet. Auf der Ebene der Gesellschaft heißt diese Option Exit: Man zieht aus der Nachbarschaft, die man fürchtet, in eine, die man nicht fürchtet, man kauft sich in eine bewachte Wohnanlage ein, man wandert aus, oder man verlässt die Politik, indem man nicht mehr wählt. Wer die Hitze der Städte fürchtet und es sich leisten kann, zieht an den Stadtrand; wer den Krieg fürchtet, geht in ein anderes Land; wer die Miete fürchtet, zieht dorthin, wo sie noch bezahlbar ist.
Die soziale Bedingung dieser Option ist trivial und folgenreich zugleich: Man braucht einen Ort, an den man gehen kann, und die Mittel, dorthin zu kommen. Ich habe im Buch mit Kemper argumentiert, dass die sozioökonomische Position weitgehend definiert, wie kontrollierbar Gefahren und ihre Folgen sind. Selektion ist die Bewältigung derer, die wählen können, und sie wird von denen genommen, deren Angst ohnehin die kleinere ist, weil ihre Kontrolle die größere ist.
Die Folgen liegen auf zwei Ebenen, und beide sind Vermutung. Zunächst die Verteilung der Bedrohung: Wer gehen kann, geht, und die Bedrohung bleibt bei denen, die bleiben müssen, die Hitze in den dicht bebauten Vierteln, die Überflutungsfläche, die schlechte Schule. Selektion sortiert eine Gesellschaft nach ihrer Exposition, und sie tut es lautlos. Mit Albert Hirschman lässt sich hinzufügen, was der Exit der Beweglichen den Zurückbleibenden nimmt: die Stimme, die eine Forderung erhoben hätte. Dann die Öffentlichkeit: Selektion gilt nicht nur für Orte, sie gilt für Gesprächspartner. Ich habe im Buch beschrieben, dass Menschen, die dieselbe Angst teilen, einander Bedrohungsinformationen zutragen und ihre Ängste gegenseitig bestätigen; in solchen durch Selbstselektion entstehenden Kreisen können sich Angstspiralen entwickeln, bis hin zu eigenen Emotionsnormen. Und unter Ungewissheit suchen Menschen Gruppen mit klaren Normen, festen Grenzen und hoher Homogenität, weil die Zugehörigkeit selbst Ungewissheit reduziert. Eine Gesellschaft, die ihre Angst durch Selektion bewältigt, zerfällt deshalb in Räume, in denen jeweils nur eine Angst gilt: Die einen fürchten das Klima und niemand in ihrem Kreis bestreitet es, die anderen fürchten die Zuwanderung und niemand in ihrem Kreis bestreitet das. Beide Kreise werden nicht ruhiger, weil sie unter sich sind. Sie werden gewisser.
Situationsmodifikation: Institutionen als geronnene Bewältigung und die Frage, wer für wen die Lage ändert
Die zweite Option greift in die Lage ein. Im Einführungsband habe ich für sie das große Beispiel genannt: Angst kann ein sozialer Motor sein, wenn jüngere Generationen den Klimawandel als beängstigende Bedrohung betrachten und ein weitreichendes politisches Handeln fordern und fördern. Aber Modifikation ist keine Erfindung der Klimabewegung. Die meisten Institutionen, die moderne Gesellschaften tragen, lassen sich als geronnene Bewältigung lesen: Sozialversicherungen gegen die Angst vor Krankheit und Alter, Bauvorschriften gegen die Angst vor dem Einsturz, Impfprogramme gegen die Angst vor der Seuche, Armeen gegen die Angst vor dem Nachbarn. Sie haben eine Lage verändert, die Angst machte, für alle in ihrem Geltungsbereich, auch für die, die nie Angst hatten.
Ihre soziale Bedingung habe ich im Buch an zwei Stellen beschrieben. Modifikation braucht Ressourcen: Barbalet hat gezeigt, wie Eliten ihre Angst vor Arbeiterunruhen durch organisationalen Wandel bewältigten, etwa durch die Einbindung von Gewerkschaften in politische Entscheidungen, und diese aktiv handelnde Bewältigung beruht auf ökonomischer und politischer Ressourcenausstattung und bleibt denen vorbehalten, die sie haben. Und Modifikation braucht eine Erwartung: Bei den Helikopter-Eltern habe ich beschrieben, dass Eltern mit Zeit und Geld Bedrohungen eher als beeinflussbar einschätzen, und dass dies von ihnen auch erwartet wird; wer nicht sein Möglichstes tut, gilt als unverantwortlich. Dazu kommt, dass Angst selbst die Kontrolle unterschätzen lässt. Die Handlungsaufforderung erreicht die Ängstlichsten zuletzt.
Die entscheidende Frage auf der Ebene der Gesellschaft lautet deshalb: Wer modifiziert für wen? Ich unterscheide drei Fälle, alle drei Vermutungen. Man kann die Lage für sich verändern: in der Pandemie Vorräte anlegen, in der Wirtschaftsflaute das eigene Profil auf die Werkzeuge einstellen, die die Arbeit verändern, auf dem Wohnungsmarkt kaufen, solange man kann. Diese Bewältigung ist wirksam, und sie ist ein Markt. Versicherungen, Sicherheitstechnik, Privatschulen und Vorsorgeprodukte verkaufen Situationsmodifikation, und ich vermute, dass dieser Markt die Ungleichheit verschärft, die er zu beheben scheint: Er liefert Kontrolle an die, die schon welche haben, und nimmt sie mitunter anderen, wie beim Horten, das die Regale für die Nächsten leert. Man kann die Lage für andere verändern, um die eigene Angst zu bewältigen. Barbalets Eliten sind das Muster: Die Einbindung der Gewerkschaften war die Bewältigung einer Elitenangst. Wer Grenzen schließt, verändert die Lage der Zuwandernden; wer aufrüstet, verändert die Lage des Nachbarn, dessen Angst dann steigt. Modifikationsmacht ist ungleich verteilt, und wer sie hat, bewältigt seine Angst auf Kosten der Lage anderer. Und ein Kollektiv kann die Lage für alle verändern. Das ist der Motor, den ich im Einführungsband meinte, und er ist voraussetzungsreich: Er braucht eine Adresse, an die sich eine Forderung richten lässt; ich habe im Buch notiert, dass erst die Zurechnung von Verantwortung auf einen Akteur erlaubt, von ihm politische Regulation zu verlangen. Er braucht eine Institution, der die Menschen etwas zutrauen. Und er braucht eine Emotionsnorm, die die Angst zeigen lässt, aus der die Forderung hervorgeht.
Eine letzte Folge dieser Option ist paradox. Erfolgreiche Modifikation löscht die Angst, die sie hervorgebracht hat, und mit ihr das Motiv, sie zu erhalten: Eine Gesellschaft, in der niemand mehr die Seuche oder die Altersarmut fürchtet, hat auch niemanden mehr, der für die Institutionen streitet, die das bewirkt haben, bis die Angst zurückkehrt.
Aufmerksamkeitslenkung: organisiertes Wegsehen, Daueralarm und was eine Öffentlichkeit davon hat
Die dritte Option lässt die Lage, wie sie ist, und regelt, wie viel davon wahrgenommen wird. Man kann die Aufmerksamkeit von der Bedrohung abziehen, durch Ablenkung, Verdrängung oder Leugnung, was ich im Buch eine Absage an die Einschätzung genannt habe. Oder man kann sie auf die Bedrohung richten, durch Grübeln und eine gesteigerte Suche nach Information, die zugleich Wirkung der Angst und Versuch ihrer Bewältigung ist. Beide Richtungen sind gesellschaftlich organisiert: die Nachrichtenvermeidung, die viele Menschen seit den Kriegen in der Ukraine und im Nahen Osten praktizieren, ebenso wie der Daueralarm der Nachrichtenkanäle, der die Angst der Ängstlichen bedient.
Ihre soziale Bedingung sind Normen und Zeit. Im Buch habe ich Bewältigungsnormen genannt, was regelt, welche Form der Aufmerksamkeit erlaubt ist: In westlichen Gesellschaften gilt das Verdrängen von Angst seit der Psychoanalyse als schädlich und die aktive Auseinandersetzung als angemessen, während Tabus die öffentliche Thematisierung bestimmter Ängste erschweren. Kari Norgaard hat für die Wahrnehmung des Klimawandels gezeigt, dass Wegsehen nicht privat bleibt: Es wird gemeinsam organisiert, durch abgestimmte Perspektiven, die das Thema aus dem Alltag heraushalten, und die Beteiligten begründen es mit Angst, Schuld und erlebter Hilflosigkeit. Und Aufmerksamkeit kostet Zeit, die ungleich verteilt ist.
Die gesellschaftlichen Folgen sind gegenläufig. Das organisierte Wegsehen entlastet die Einzelnen und kostet die Gesellschaft ihre Problemlösung: Ein Problem, dem eine Öffentlichkeit die Aufmerksamkeit entzieht, bleibt ohne Adresse, ohne Forderung und ohne Mehrheit. Es wird nicht kleiner, es bleibt unbearbeitet. Das Hinsehen hat den umgekehrten Preis. Angst erhöht die Aufmerksamkeit, und ich habe im Buch vermutet, dass darin ein wesentlicher Teil der Erklärung liegt, warum Angstbegriffe in den Massenmedien so häufig geworden sind: Eine Öffentlichkeit, die ihre Aufmerksamkeit nach der Angst ihrer Adressaten bemisst, produziert Warnungen, und sie hat, wie ich in „Wer entwarnt?" beschrieben habe, keine Infrastruktur für die Entwarnung. Unter Angst werden mehrdeutige Lagen als bedrohlich gelesen; eine Öffentlichkeit, die nur noch hinsieht, liefert keine bessere Information, sie liefert eine dramatisierte. Die Medienkritik will ich aber nicht übertreiben. Die Kultur der Angst, die Glassner und Furedi den Medien zuschreiben, halte ich für eine zu einfache Erklärung, und ich habe im Buch auch das Gegenstück notiert: Unter Angst intensiviert sich die Orientierung an der sozialen Umwelt, und das kann die soziale Integration erhöhen. Die Aufmerksamkeit, die die Pandemie erzeugte, hat auch Nachbarschaften hervorgebracht.
Die beiden Richtungen teilen eine Gesellschaft. Wer wegsieht und wer hinsieht, lebt in verschiedenen Wirklichkeiten derselben Bedrohung, und beide erzeugen denselben Bedarf, den die vierte Option bedient: den Bedarf an Gewissheit.
Umdeutung: Schuldige, Ersatzgewissheiten und gesenkte Ansprüche
Die vierte Option habe ich im Buch am ausführlichsten behandelt, weil sie an jeder Einschätzung ansetzen kann. Umdeutung geht dabei den Weg des geringsten Widerstands: Jede revidierte Einschätzung bedroht das bisherige Deutungssystem, deshalb wird so umgedeutet, dass bestehende Wissensstrukturen möglichst wenig angetastet werden. Welche Einschätzung nachgibt, ist damit sozial verteilt. Drei Wege sind auf der Ebene der Gesellschaft zu sehen.
Der lauteste ist die Zuschreibung. Im Buch habe ich am Beispiel der Angst vor Arbeitslosigkeit gezeigt, was die Zurechnung auf eine soziale Gruppe leistet: Sie stellt Gewissheit über die Ursachen her, sie liefert eine überschaubare und sanktionierbare Kategorie, und sie schützt den Selbstwert. Im Einführungsband habe ich das an den Verschwörungserzählungen der Pandemie zugespitzt: Wer glaubt, eine mächtige Instanz nutze das Virus, um eine neue Weltordnung zu errichten, löst Ungewissheit auf, und zugleich steigt seine Kontrolleinschätzung, denn gegen benannte Schuldige lässt sich protestieren, wählen oder handeln. Die Angst wird dabei nicht kleiner, sie wird zu Wut, und die Wut hat eine Adresse. Warum Aufklärung daran wenig ändert, habe ich am Beispiel der Wahl beschrieben. Die soziale Bedingung dieser Umdeutung ist die Plausibilität und Legitimität der Zuschreibung: Die Attribution drohender Arbeitslosigkeit auf global agierende Hedgefonds hat mehr sinnfällige Zusammenhänge als eine beliebige Konstruktion, und während die Zuschreibung auf eine jüdische Weltverschwörung gegenwärtig keine öffentlich diskursfähige Form ist, unterliegt die Zuschreibung auf Zuwanderer weniger rigiden Beschränkungen. Ich habe solche Regeln 2012 Attributionsregeln genannt; sie legen fest, wer wofür verantwortlich gemacht werden darf, und sie sind politisch umkämpft. Über die Folgen der Umdeutung entscheidet deshalb, wohin eine Gesellschaft ihre Zurechnung lenken lässt. Geht sie nach unten, auf Gruppen, die sich nicht wehren können, spaltet sie; geht sie nach oben, auf Akteure, von denen sich etwas fordern lässt, wird aus ihr die kollektive Modifikation des vorigen Abschnitts. Und es gibt eine dritte Richtung, die ich 2012 an Arbeitgebern und Regierungen beschrieben habe: die Entlastungszurechnung auf Umstände, den Weltmarkt, die Europäische Union, die weder Angst noch Wut erzeugt, weil niemand verantwortlich ist. Sie ist die Bewältigung der Mächtigen, und sie lässt die Lage, wie sie ist.
Ein zweiter Weg deutet nicht die Ursache um, sondern die Gewissheit. Ich habe im Buch vermutet, dass moderne Gesellschaften ein besonderes kulturelles Streben nach der Auflösung von Ungewissheit ausgebildet haben, sodass Ungewissheit, von der Existenz des Klimawandels bis zur Möglichkeit der Arbeitslosigkeit, nicht akzeptiert wird. Wo Gewissheit so wichtig ist, lässt sich ihre Wichtigkeit kaum senken; wahrscheinlicher ist ihre Maximierung: durch das Vorsichtsprinzip, durch immer höhere Sicherheitsstandards, durch die Orientierung an Traditionen oder durch den Ruf nach einer ordnungsstiftenden, starken Führung. Die konkrete Angst wird dadurch nicht kleiner, aber die Ungewissheit ist beseitigt, weil das Eintreten des Schlimmsten als sicher gilt. Die Folge auf der Ebene der Gesellschaft ist eine Nachfrage nach Garantien, und wer Garantien verspricht, gewinnt: der Anbieter der Untergangsgewissheit ebenso wie der Anbieter der starken Hand. Ich vermute, dass Gesellschaften, die ihre Kontingenzangst vor allem so bewältigen, eine Nachfrage nach Autorität entwickeln, die aus der Wichtigkeit von Gewissheit stammt und nicht aus einer Vorliebe für Autorität. Wer Sicherheit garantiert bekommt, hat sie nicht selbst. Die Alternative, die Bonß eine Normalisierung der Unsicherheit genannt hat, verstößt gegen die Deutungsnorm, die Ungewissheit als Fahrlässigkeit wertet, und ist deshalb die unwahrscheinlichere.
Der leiseste Weg senkt den Anspruch. Im Buch habe ich mit Merton und seinen Kritikern beschrieben, dass in unteren Lagen die Einschätzung fehlender Kontrolle so widerständig ist, weil sie ständig an der Realität geprüft wird, und dass deshalb eher die Wichtigkeit des Ziels nachgibt. Die Forschung zur Langzeitarbeitslosigkeit zeigt, wie das Streben nach Erwerbsarbeit aufgegeben wird, nicht weil man nicht arbeiten will, sondern weil man mit der Aussichtslosigkeit leben lernen muss. Auf dem Wohnungsmarkt lässt sich dasselbe beobachten: Eine Generation, die Eigentum nicht erreichen kann, hört auf, es zu wollen, und nennt das eine Entscheidung. Die soziale Bedingung dieser Umdeutung ist die Position, und dazu die Kultur: Wo individualistische Wertorientierungen gelten, gilt es als illegitim, keine Kontrolle zu haben, und die Anspruchsminderung bedroht dann die soziale Anerkennung. Ihre Folge habe ich im Schlusskapitel genannt: Aufgegebene Ziele werden habitualisiert und tragen zur Reproduktion sozialer Ordnung bei. Umdeutung ist die einzige der fünf Optionen, die eine Gesellschaft ungleicher machen kann, ohne dass sich an der Verteilung irgendetwas geändert hätte. Es hat sich nur geändert, was die Benachteiligten für sich beanspruchen.
Reaktion: Coolness, Achtsamkeit und die Angst, die niemand sieht
Die fünfte Option setzt am Ende an. Man reguliert nicht die Einschätzung, sondern das, was von der Angst nach außen dringt. Im Buch habe ich Hochschilds Oberflächenhandeln, die dramaturgische Anpassung des Emotionsausdrucks, und das tiefe Durchatmen als zwei Fälle dieser Option eingeordnet; im Einführungsband stehen Yoga und Achtsamkeitsübungen dafür, und Suchtverhalten gehört auf dieselbe Ebene. Gesellschaftlich hat diese Option einen älteren Namen: Coolness. Die Führungskraft, die in der Krise Gelassenheit ausstrahlt, die Regierung, die zur Ruhe mahnt, der Bürger, der sich nicht verrückt machen lassen will, regulieren alle die Sichtbarkeit einer Angst, nicht ihre Ursache.
Ihre soziale Bedingung sind Emotionsnormen, und die sind an dieser Stelle die Ursache des Bewältigungsbedarfs. Ob Angst überhaupt reguliert werden muss, hängt davon ab, ob sie in einem Kontext als legitim gilt. Ich habe im Buch die Norm, als Mann keine Angst haben zu sollen, als Beispiel dafür verwendet, dass eine internalisierte Emotionsnorm schon in den unbewussten Einschätzungsprozess eingeht und dazu führen kann, dass tatsächlich keine Angst empfunden wird. Die Norm kann selbst umgedeutet werden, dann entfällt der Regulierungsbedarf; Subkulturen, die Angst und Traurigkeit als legitim erklären, tun das, und auf diesem Weg kann kultureller Wandel in Gang kommen. Solange die Norm gilt, bleibt es bei der Reaktion. Und die Reaktion hat heute einen Markt: Achtsamkeitsprogramme, Resilienztrainings und Apps, die das Atmen anleiten, verkaufen die fünfte Option an Belegschaften, Schulen und Erschöpfte.
Die gesellschaftlichen Folgen sind die tückischsten, und ich nenne drei als Vermutung. Wer die Reaktion reguliert, verlegt die Bewältigung in den Körper der Person und lässt die Lage unberührt; eine Gesellschaft, die ihre Angst vor allem so bewältigt, hat für jede kollektive Bedrohung eine individuelle Antwort. Mit Christian von Scheve habe ich vermutet, dass eine Kultur, die positive Emotionalität zum Ziel erklärt, bei ungleich verteilten Mitteln eine klassische Anomiekonstellation erzeugt: Die einen können sich die Gelassenheit leisten, die von allen verlangt wird. Weiter leidet das Wissen einer Gesellschaft über sich selbst. Eine Angst, die nicht gezeigt werden darf, taucht in keiner Umfrage auf; jede Zeitreihe geäußerter Angst misst Angst und Sagbarkeit zugleich. Das niedrige deutsche Angstniveau, das ich erhoben habe, ist deshalb mit Vorsicht zu lesen, und es beruht ohnehin auf einem einzigen Umfrageitem; umgekehrt zeigt eine Gesellschaft, die ihre Angst lautstark äußert, zunächst nur eine Norm, die das Zeigen erlaubt. Und schließlich verliert die kollektive Bewältigung. Eine Forderung entsteht aus einer Angst, die gezeigt werden darf; wo sie unsichtbar bleibt, bleibt sie Einzelbesitz, und die Regierung, die zur Ruhe mahnt, liest die Ruhe als Zustimmung. Die Reaktion entzieht der Situationsmodifikation ihren Rohstoff.
Wechselwirkungen: Bewältigungsprofile und wer die Kosten trägt
Die fünf Optionen stehen nicht nebeneinander. Wer die Lage verändern kann, verändert sie; wer sie verlassen kann, verlässt sie. Wer beides nicht kann, dem bleiben die Einschätzung und der Ausdruck. Aus der Nachrangigkeitsregel folgt deshalb eine Verteilungsregel: Die Bewältigungsformen, die die Lage unberührt lassen, konzentrieren sich dort, wo die Mittel fehlen, die Lage zu ändern. Deshalb treffen die Zuschreibung nach unten, die gesenkten Ansprüche und die stumme Angst in denselben Lagen zusammen. Es sind die Bewältigungen der Übriggebliebenen.
Die Optionen verstärken einander. Selektion erzeugt die Gleichgesinnten-Räume, in denen Umdeutungen unwidersprochen bleiben. Die Reaktion füttert das Wegsehen: Eine Angst, die nicht gezeigt wird, kann auch nicht zum Gegenstand gemeinsamer Aufmerksamkeit werden. Und die Modifikationsmacht der einen erzeugt die Bewältigungsnot der anderen; wer aufrüstet, wer ausgrenzt, wer die Regale leert, verändert die Lage derer, die dann umdeuten müssen.
Aus dieser Ordnung bilden Gesellschaften Profile aus, und ich halte diese Profile für die eigentliche Vergleichsebene einer Soziologie der Angst. Eine Gesellschaft, die kollektive Modifikation institutionell bereitstellt, Sozialversicherung, Mitbestimmung, verlässliche Regulierung, hält ihre Angst in der Form der Forderung; sie hat, wenn die Nachrangigkeitsregel stimmt, bei gleicher Angst weniger Sündenböcke. Eine Gesellschaft, die Sicherheit über Märkte verteilt, hält ihre Angst in der Form des Exits und der privaten Vorsorge; sie sortiert sich nach Exposition. Eine Gesellschaft, deren Kultur Gewissheit hoch bewertet, hält ihre Angst in der Form der Ersatzgewissheit; sie fragt Garantien und Führung nach. Und eine Gesellschaft, deren Emotionsnormen die Angst unsichtbar machen, hält sie in der Form der Reaktion; sie weiß am wenigsten über sich. Im Buch habe ich am Ende gegenwartsdiagnostische Thesen zu Kontrollwahn-, Ohnmachts- oder Kontingenzvermeidungsgesellschaften als mögliche Anwendungen genannt. Die Profile sind der Versuch, solche Thesen nicht an der Angst, sondern an ihrer Bewältigung festzumachen. Mertons Anpassungsformen lassen sich als Vorläufer lesen, Innovation und Ritualismus habe ich im Buch selbst als Umdeutungen eingeordnet; mehr als eine Parallele will ich daraus nicht machen.
Wichtiger ist, was aus der Ordnung für die Frage folgt, mit der ich das Buch beendet habe: ob Angst konserviert oder verändert. Die Antwort hängt nicht an der Angst. Sie hängt daran, welche Bewältigung eine Gesellschaft ihren Mitgliedern lässt. Modifikation und Zuschreibung nach oben verändern; Selektion, Wegsehen, Ersatzgewissheit, Anspruchsminderung und Reaktion konservieren, und sie konservieren am zuverlässigsten dort, wo die Mittel zur Veränderung ohnehin fehlen. Bewältigung stabilisiert den Status quo, habe ich im Buch geschrieben, indem unerreichbare Ziele aufgegeben werden. Ich würde heute hinzufügen: Sie stabilisiert ihn, weil die Formen, die ihn stabilisieren, denen zufallen, die ihn am wenigsten wollen.
Schluss: drei Fragen, die sich prüfen ließen
Gesellschaften unterscheiden sich weniger in ihrer Angst als in dem, was sie mit ihr tun, und was sie mit ihr tun, ist eine Frage der Wege, die sie gebaut haben, und der Verteilung dieser Wege. Wenn das stimmt, liegt der Hebel für die gesellschaftlichen Folgen der Angst nicht bei denen, die Angst haben. Er liegt bei denen, die über die Bewältigungswege entscheiden: bei den Institutionen, die kollektive Modifikation bereitstellen oder verweigern, bei den Märkten, die Exit und private Vorsorge verkaufen, bei den Öffentlichkeiten, die Aufmerksamkeit lenken, bei den Attributionsregeln, die festlegen, wer beschuldigt werden darf, und bei den Emotionsnormen, die festlegen, wer seine Angst zeigen darf.
Drei Fragen ließen sich prüfen. Man kann Länder vergleichen: Wo kollektive Modifikation verfügbar ist, etwa durch Sicherungssysteme, denen die Menschen etwas zutrauen, sollte die Zuschreibung von Bedrohungen auf Minderheiten bei gleicher Angst seltener sein als dort, wo sie fehlt; die europäischen Umfragedaten erlauben, Angst, Zutrauen und Zuschreibung getrennt zu erheben. Man kann Regionen vergleichen: Wo Selektion die vorherrschende Bewältigung ist, in Regionen mit hoher Abwanderung und in Städten mit hoher Segregation, sollte die kollektive Forderung schwächer und die Bindung an Gleichgesinnten-Räume stärker sein als dort, wo die Beweglichen bleiben. Und man kann Norm und Erleben trennen: Wo Emotionsnormen die Angst unsichtbar machen, sollten Umfragen sie unterschätzen und die kollektive Bewältigung schwächer sein; das verlangt, Angstnorm und Angsterleben an derselben Stichprobe getrennt zu messen, wie ich es in meinem Messprogramm gefordert habe. Wenn die drei Erwartungen sich bestätigen, wüsste man, wo eine Gesellschaft ansetzen kann, die ihre Angst anders bewältigen will. Wenn nicht, wüsste ich gern, was stattdessen die Wege verteilt.
Quellen: Der Text stützt sich auf meine Soziologie der Angst (Springer VS 2017), dort bes. Kap. 5 zur Bewältigung und ihren sozialen Bedingungen, Kap. 6 mit dem Beispiel der Angst vor Arbeitslosigkeit, Kap. 7 zu den Helikopter-Eltern und den Ausblick in Kap. 9, der die gesellschaftlichen Folgen der Bewältigung als offene Aufgabe benennt; auf die Kompaktfassung „Anomische Gefühle: Angst" in Diefenbach/Zink (Hg.), Emotions- und Affektsoziologie (De Gruyter 2024), auf meinen Aufsatz „Wieso, weshalb, warum? Attribution und die Entstehung (negativer) Emotionen" (2012) und auf „Anomie und Gefühl" (mit Christian von Scheve, 2016). Die fünf Regulationsoptionen (Situationsselektion, Situationsmodifikation, Aufmerksamkeitslenkung, Umdeutung, Reaktion) gehen auf James Gross (1998; Gross/Thompson 2007) zurück, wie ich sie im Buch und im Beitrag von 2024 wiedergegeben habe. Die sozialen Bedingungen der Bewältigung (Ressourcen, Bewältigungs- und Emotionsnormen, Modifikationsresistenzen, Zurechnungsregeln) sind dem Buch entnommen; die gesellschaftlichen Folgen je Option sind Weiterführung und im Text als Vermutung gekennzeichnet, ebenso die vier Bewältigungsprofile. Der Befund zum Angstniveau in Deutschland beruht auf einem einzelnen Umfrageitem des European Social Survey. Norgaard, Barbalet, Merton, Hyman, Bonß und die Copingforschung werden nach dem Buch zitiert; die Unterscheidung von Abwanderung und Widerspruch stammt von Albert O. Hirschman, Exit, Voice, and Loyalty (1970). Die Gegenwartsbeispiele sind Illustrationen ohne Zahlen. Der Text setzt Gesellschaft und Angst fort. Weiterführend auf dieser Seite: Warum Menschen AfD wählen, Politik erzeugt die Ängste, die sie zu beherrschen verspricht, Der Markt der Angst, Wer entwarnt?, Die Attributionsordnung und Wut und Angst bauen verschiedene Welten. Kontakt: kontakt@maxdehne.de.
Bei Recherche und Überarbeitung dieses Textes kam KI zum Einsatz.