Warum Menschen AfD wählen — die Wahl als Bewältigungshandlung
· Essay
Die Wahlforschung weiß, wer die AfD wählt und unter welchen Bedingungen. Sie weiß kaum, woher die Angst kommt, die dabei bearbeitet wird, und was die Wahl für die Wählenden leistet — und ohne diese Fragen bleiben die üblichen Gegenmittel wirkungslos.
Drei Tage Erklärung
Sachsen-Anhalt, 6. September 2026: die AfD mit weitem Abstand stärkste Kraft. Was danach folgte, kennt man so gut wie die Hochrechnung selbst. Die Abgehängten. Der Protest. Die Desinformation. Der Osten. Die Alten. Jede dieser Erklärungen hatte eine Studie im Rücken, jede ihre Fürsprecher, und nach drei Tagen war die Debatte weitergezogen. Zwei Wochen später, Mecklenburg-Vorpommern: wieder die AfD vorn, diesmal knapp, und dieselben Stichworte in leicht veränderter Reihenfolge – ergänzt um die Ministerpräsidentin, weil die SPD aufgeholt hatte. Das Ritual wiederholt sich, und es wird sich wiederholen.
Mir fällt an diesem Ritual auf, dass fast alle Deutungen die Wahl als Defekt behandeln: als Verführung, als Irrtum, als Ausfall der Vernunft, dem man mit mehr Vernunft begegnen müsste. Die Wahlforschung weiß über die AfD-Wählerschaft sehr viel. Was sie kaum weiß, ist, woher die Angst kommt, die dabei bearbeitet wird, und was die Wahl für die Wählenden leistet. Solange man das nicht weiß, wird man auch nicht verstehen, warum Aufklärung so wenig daran ändert.
Was gesichert ist
Vier Befundlinien gelten als gut belegt. Die erste betrifft das Verhältnis von Kultur und Ökonomie: In den einschlägigen Studien – für Deutschland etwa bei Holger Lengfeld, international bei Pippa Norris und Ronald Inglehart unter dem Titel Cultural Backlash – erweist sich die wahrgenommene Bedrohung durch Migration und kulturellen Wandel als stärkster Prädiktor der Wahl, deutlich vor Einkommen und Arbeitslosigkeit. Migration wirkt dabei als Metathema: Die Sorge um sie ist weitgehend unabhängig davon, ob die Zuwanderungszahlen gerade steigen oder, wie zuletzt, sinken – sie bündelt die Erwartung von Kontroll- und Statusverlust. Eine zweite Linie handelt von relativer, antizipierter Deprivation: Wer AfD wählt, ist selten arm; häufiger ist es jemand, der erwartet, dass Leute wie er künftig nicht mehr bekommen, was ihnen zusteht. Noam Gidron und Peter Hall zeigen für zwölf westliche Länder einen gesunkenen Statusrang von Männern ohne Hochschulabschluss, lehnen den kausalen Schluss auf die Wahl aber selbst ab – ein Hinweis auf eine Verschiebung, keine Erklärung. Eine dritte Linie ist die politische Entfremdung: geringes Vertrauen in Institutionen und Medien, ein gewachsener Anteil von Überzeugungswählern gegenüber reinen Protestwählern – die Stimme ist seltener ein Denkzettel und häufiger eine Zugehörigkeitserklärung; die Leipziger Autoritarismus-Studien zeigen zudem seit Jahren ein autoritär-ethnozentrisches Einstellungspotenzial, das erheblich größer ist als jede Wählerschaft. Die vierte Linie betrachtet das Angebot: Hanspeter Kriesi beschreibt eine neue Konfliktlinie zwischen Kosmopoliten und Kommunitaristen, Philip Manow eine Repräsentationslücke für Wähler, die kulturell konservativ und zugleich ökonomisch staatsfreundlich sind – eine Kombination, die im Parteiensystem lange niemand anbot.
Die Empirie der letzten beiden Jahre verfeinert dieses Bild, ohne es zu verändern. Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte die AfD rund 20,8 Prozent; unter den über Sechzigjährigen lag sie mit etwa 15 Prozent darunter, unter den 18- bis 24-Jährigen mit etwa 21 Prozent darüber – je älter, desto eher Union; der europaweite Rechtsruck junger Wähler seit der Europawahl 2024 ist gut dokumentiert. Céline Teney unterscheidet auf Basis des GLES-Panels drei Wählertypen: konservative Hardliner (rund zwei Drittel, Kernthema Migration), radikal-rechte Autoritäre (rund ein Fünftel, größte Distanz zur Demokratie) und moderate Konservative (rund ein Achtel, am ehesten erreichbar). Und Andreas Hövermann zeigt für die Hans-Böckler-Stiftung, dass sich das Elektorat verdoppelt hat – mit Zuwächsen vor allem im Westen, wo auch der radikale Kern anteilig häufiger vertreten ist.
Das ist viel Wissen. Aber es beschreibt Bedingungen, keinen Vorgang. Es lässt offen, warum die Antwort auf erwarteten Statusverlust ausgerechnet ethnisch-nationale Schließung ist – und nicht etwa eine Umverteilungsforderung, die dem Problem näher läge.
Was die Wahl leistet
Meine Soziologie der Angst hat mit Wahlen zunächst nichts zu tun. Aber sie hat einen Grundgedanken, der hier weiterhilft: Die Bewältigung von Angst ist kein Nachspiel. Sie verändert die Lage, aus der die Angst hervorging, und bestimmt mit, was als Nächstes empfunden wird.
Viele Verunsicherungen der Gegenwart haben kein klares Objekt. Man ist beunruhigt, ohne sagen zu können, wodurch: Wird es die Arbeit noch geben, die Region, die Kinder in der Nähe, die Ordnung, in der man sich auskennt? Ich nenne das Kontingenzangst, und sie ist schwerer zu ertragen als jede konkrete Furcht, weil man gegen eine unbestimmte Bedrohung nichts unternehmen kann. Eine der wirksamsten Formen, mit ihr umzugehen, ist die Übersetzung in eine konkrete Angst mit klarem Wovor und Worum. Im Buch habe ich das 2017 nur am Rand notiert: Die Angst vor Überfremdung ist der Musterfall einer solchen Ersatzangst, weil sie eine klar definierte Gruppe fokussiert, die durch politische Maßnahmen kontrollierbar erscheint. Aus der Randbemerkung ist seither der Hauptfall geworden.
Was die Wahl also leistet, lässt sich präzise sagen: Sie übersetzt Kontingenzangst – die Verunsicherung ohne klares Objekt – in eine konkrete Angst mit politischer Adresse. Aus der unbestimmten Beunruhigung wird eine bestimmte Bedrohung mit benennbaren Verursachern und einer Partei, die deren Kontrolle verspricht. Man gewinnt Gewissheit über die Ursachen, eine überschaubare Kategorie, gegen die sich etwas tun lässt, und einen geschützten Selbstwert, weil die Schuld nicht bei einem selbst liegt. Der Zustand, der so entsteht, ist subjektiv angenehm. Er fühlt sich richtig an. Das ist eine Leistung, keine Fehlleistung. Die Rechtsextremismusforschung hat sie lange vor mir beschrieben: Der Rechtspopulismus, so hieß es schon vor knapp zwanzig Jahren, bediene die Notwendigkeit, verlorene Gewissheiten zu kompensieren, und biete Identifikationsgelegenheiten an, die das Selbst stabilisieren. Ulrich Beck sprach von der Sündenbock-Gesellschaft, in der Hilflosigkeit betroffene Gruppen zu Blitzableitern macht. Und man versteht von hier aus, was in der Debatte regelmäßig Ratlosigkeit auslöst: Für einen relevanten Teil der Wählerschaft sind die radikalen Positionen kein Preis, den man in Kauf nimmt. Sie sind der Grund. Wer eine Identifikation sucht, die das Selbst stabilisiert, sucht keine gemäßigte.
Der Wahlabend in Mecklenburg-Vorpommern gibt dieser Lesart zwei Anhaltspunkte, alle Zahlen nach der ARD-Hochrechnung vom Wahlabend: AfD 37,3 Prozent, SPD 35,5, Linke 7,5, Grüne 5,5, CDU 5,3, BSW 5,0, FDP 1,1. Nach der vorläufigen Wählerwanderung der ARD hat die AfD ihre Zugewinne vor allem bei bisherigen Nichtwählern geholt. Wer lange nicht gewählt hat und es nun tut, dürfte damit weniger eine Regierung im Sinn haben als die Erfahrung, einmal gezählt zu werden – für Menschen, die gelernt haben, dass die Dinge ohne sie geschehen, ist die Wahl zunächst ein Mittel, gehört zu werden. Dazu kommt die Differenz zwischen Absicht und Wunsch. Zehn Tage vor der Wahl gaben bei infratest dimap 38 Prozent an, AfD wählen zu wollen; eine AfD-geführte Regierung wünschten sich 32 Prozent, eine SPD-geführte 55. Am Wahlabend lag die AfD dann unter ihrem Umfragewert, während die SPD von 33 auf 35,5 Prozent aufholte; Manuela Schwesig sprach von einer Aufholjagd. Das deutet darauf hin, dass ein Teil der angekündigten AfD-Stimmen Botschaft war: Man wollte, dass die Zahl gesehen wird, ehe man entschied, wer regiert. Die Stimme hat, so gelesen, eine Doppelfunktion. Sie bewältigt etwas, und sie bestellt etwas, und beides muss nicht auf dieselbe Partei fallen. Ob das für die einzelne Wählerin gilt, lässt sich aus Aggregatdaten nicht sagen; sie zeigen Verschiebungen zwischen Lagern, keine Motive. Dass es für einen Teil der Wählerschaft gilt, ist die sparsamste Erklärung für die Differenz.
Eines möchte ich dazu einmal sagen und dann nicht wiederholen: Dass diese Bewältigung auf Kosten Dritter geht – realer Menschen, die zu Blitzableitern gemacht werden –, steht nicht zur Debatte. Die Analyse beschreibt, was die Wahl für die Wählenden leistet. Sie rechtfertigt nicht, was sie andere kostet.
Woher die Angst kommt
Die Angst, die hier bearbeitet wird, ist nicht einfach da. Sie ist sozial bedingt, bevor sie bewältigt wird, und zwar an vier Stellen. Woran Menschen hängen – die Region, der Beruf, die Nation, ein bestimmtes Bild von Männlichkeit –, ist nach Herkunft, Lage und Milieu verteilt, und mit ihm die Empfindlichkeit für Bedrohungen. Angst braucht zudem Bedrohungsinformationen, und deren Produktion ist ungleich: Wer von einer Angst profitiert, hat ein Interesse, ihre Informationen zu erzeugen; die alternativen Medienökosysteme um die rechten Parteien sind in diesem Sinn eine Infrastruktur dafür. Dazu kommt die Kontrolle: Ob eine Bedrohung als beeinflussbar gilt, hängt an Erfahrungen, die mit Bildung, Beruf und Region verteilt sind. In Ostdeutschland gehört dazu die Transformationszeit — und die war zuallererst eine Erfahrung radikaler Ungewissheit: Was gestern galt, an Berufen, Institutionen und Selbstverständlichkeiten, galt über Nacht nicht mehr. Meine eigenen Analysen zeigen Ostdeutschland Anfang der Neunzigerjahre deutlich desorientierter als den Westen; erst über Jahre glichen sich die Werte an, während die existenziellen Sorgen um Arbeit und wirtschaftliche Lage im Osten lange erhöht blieben. Bemerkenswert ist, was nicht folgte: mehr Angst. Trotz höherer Desorientierung waren Ostdeutsche in meinen Auswertungen nicht ängstlicher als Westdeutsche — ein Befund, der auf die Bewältigung als Zwischenglied verweist. Was aus erlebter Ungewissheit wird, entscheidet sich daran, welche Bearbeitungswege zur Verfügung stehen. Wer die Transformation als Umbruch erlebt hat, der über Biografien und Regionen hinwegging, bringt in neue Ungewissheitslagen deshalb beides mit: die geschulte Empfindlichkeit für sie und die Nachfrage nach Angeboten, die sie in etwas Bestimmtes übersetzen. Und schließlich die Emotionsnormen, die regeln, was man empfinden und zeigen darf – und die schon bei der Entstehung des Gefühls mitentscheiden, ob aus einer Bedrohung Angst wird oder Ärger.
Dazu kommt die Lage selbst. Ob die Angst insgesamt zugenommen hat, ist eine offene Messfrage; Krisenaufzählungen beantworten sie nicht, und ich habe solche Diagnosen im Buch selbst kritisiert. Was sich beschreiben lässt, ist eine Verschiebung der Bauform: Die Lagen der letzten Jahre – Krieg in Europa, Klimawandel, Inflation und Energiepreise, die Nachwirkungen der Pandemie, künstliche Intelligenz in der Arbeitswelt, erodierendes Vertrauen in Institutionen – greifen ineinander und sind deutungsoffen, widersprüchlich, ohne klaren Adressaten und der eigenen Kontrolle entzogen. Unter solchen Bedingungen nimmt Verunsicherung die Form der Kontingenzangst an, und solche Lagen erzeugen die Nachfrage nach Angeboten, die sie in etwas Bestimmtes übersetzen. Das rechte Angebot trifft auf eine strukturell gewachsene Nachfrage, nicht auf eine plötzlich ängstlichere Bevölkerung.
Die Wahl ist damit der Endpunkt zweier Ketten, die beide sozial vorgespurt sind: der Entstehung der Angst und der Auswahl ihrer Bewältigungsform. Die Wahlforschung misst den Endpunkt.
Warum Kultur stärker wirkt als Geld
Dass die kulturelle Bedrohung das Einkommen schlägt, ist in der Wahlforschung ein Rätsel geblieben. Es löst sich auf, wenn man darauf schaut, woran Menschen hängen.
Bedroht ist für viele Wähler selten nur das Konto. Bedroht sind der Beruf, der an Ansehen verliert; die Region, aus der die Jungen wegziehen; ein Bild von Männlichkeit, das nicht mehr selbstverständlich gilt; die Erwartung, dass die Kinder es einmal besser haben. Migration ist dabei nur der sichtbarste Auslöser. Gender-Debatten, Klimapolitik, eine als bevormundend empfundene Debattenkultur: Auch sie sind Bedrohungen von Rollenbildern, Lebensweisen und dem Anspruch, in eigenen Angelegenheiten nicht belehrt zu werden. Ein Umverteilungsangebot verbessert die Lage, gibt aber nichts davon zurück. Das rechte Angebot geht anders vor: Es bietet an, die bedrohten Bindungen gegen solche einzutauschen, die nicht verloren gehen können – Nation, Volk, ein „Wir", das nicht kündbar ist und keine Qualifikation verlangt. Deshalb wirkt Kultur stärker als Geld.
Und deshalb ist die Nachfrage auch nicht zu sättigen. Was bei den Wählern gekränkt ist, ist ein Anspruch auf Kontrolle und Gewissheit, und dieser Anspruch ist in modernen Gesellschaften außerordentlich hoch. Das Angebot antwortet mit Versprechen, die an der Lage ansetzen: Grenzen, Abschiebungen, Ordnung. Selbst wenn diese Versprechen eingelöst würden, bliebe der Anspruch unberührt, der die Angst trägt. Daraus folgt eine prüfbare Vorhersage: Erfolge der Rechten senken die Angst ihrer Wähler nicht. Die 43,8 Prozent in Sachsen-Anhalt sind, so gelesen, kein befriedigtes Bedürfnis. Sie sind ein unbefriedigbares.
Warum die einen und nicht die anderen
Dieselbe Kränkung, dieselbe Region, und doch wählt die eine Person AfD, die andere gar nicht mehr. Die Forschung misst die Betroffenheit. Sie misst nicht, was Menschen mit ihr tun.
Was darüber entscheidet, ist die Richtung der Schuldzuschreibung, und die ist ungleich verteilt. Wer die Ursachen seiner Lage bei sich selbst sucht, empfindet Scham und zieht sich zurück. Wer sie nach außen lenkt, empfindet Wut, und Wut gibt Kontrolle zurück, wo Scham lähmt. Der Soziologe Thomas Scheff hat beschrieben, wie Bedrohungen, die zu Scham führen würden, aus Angst vor den Folgen für das Selbst nach außen gewendet werden. Die Wut hat eine Adresse. Und sie ist wählbar.
Diese Weiche ist nicht geschlechtsneutral gestellt. Dass die AfD-Wählerschaft deutlich männlich geprägt ist, ist gut dokumentiert. Mein Modell setzt zur Erklärung bei den Normen an, nicht bei den Männern. Emotionsnormen sind geschlechtsspezifisch: Ärger gilt als männlich, Angst und Traurigkeit gelten als weiblich, und die Sozialisation setzt das durch. Wut ist, so gelesen, die männlich lizenzierte Form, Angst zu haben. Dazu kommt, dass ein hohes Maß an Kontrolle als Männlichkeitsideal gilt und von Männern eine Kontrollwahrnehmung erwartet wird. Der Bewältigungsweg, den eigenen Kontrollanspruch zu senken, ist unter dieser Erwartung versperrt. Es bleiben die Wege nach außen: die Ursache bei anderen suchen, den Akteur wählen, der Kontrolle verspricht. Ein Befund aus meinen SOEP-Analysen passt dazu, wenngleich er es nicht beweist: Frauen berichten in fast allen Bereichen größere Sorgen als Männer – mit zwei Ausnahmen, den Sorgen um Zuwanderung und um die EU-Erweiterung. Ausgerechnet auf dem Kernthema des rechten Angebots kehrt sich das übliche Muster um. Statisch ist das nicht: Beim jüngsten Zuwachs im Westen sind erstmals mehr Frauen hinzugekommen. Ob sich die Normen verschieben oder das Angebot sich anpasst, ist offen.
Die eigentliche Trennlinie verläuft also nicht zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen, sondern zwischen denen, die die Kränkung nach innen wenden, und denen, die sie nach außen wenden. Und welcher Weg offensteht, ist vorgespurt.
Der Ort, nicht das Alter
Eine Kreisanalyse des DIW vom Juli 2026 bestätigt einen älteren Befund aus Thüringen: In Kreisen, die altern und aus denen die Jungen und Gebildeten abwandern, ist die AfD deutlich stärker, über alle Altersgruppen hinweg. Ältere wählen die AfD unterdurchschnittlich; sie ist keine Rentnerpartei. Was wirkt, ist der Ort: die geteilte Erfahrung, in einer Region zu leben, die sich leert. Wenn die Schule schließt, der Bus seltener fährt und die eigenen Kinder in einer anderen Stadt wohnen, erfährt der Zwanzigjährige, der geblieben ist, ebenso wie die Siebzigjährige, deren Enkel wegzogen, dass die Dinge geschehen, ohne dass man etwas dazu beitragen könnte. Dass diese Erfahrung im Osten häufiger ist, hat eine Geschichte, die Transformation heißt: eine Erfahrungsgeschichte, keine Mentalität – und der Zuwachs der letzten Jahre kam ohnehin vor allem aus dem Westen.
Was die Gegenmittel berühren
Der Faktencheck berührt die Bewältigung nicht. Er behandelt ein Verunsicherungsproblem als Informationsproblem. Dass die Zuwanderungszahlen sinken, ändert für jemanden, dessen Angst nie an der Zahl hing, nichts. Die Moralisierung berührt sie an der falschen Stelle: Sie erzeugt Scham, also genau die Emotion, die die Wut ersetzt hatte, und macht die Wut damit noch nötiger. Ob rechtliche Instrumente gegen die Partei angemessen sind, ist eine juristische und politische Frage, zu der ich mich hier nicht äußere; das Bedürfnis, das die Wahl bedient, ließen auch sie unberührt.
Man muss dabei sehen, dass die Gegenseite ebenfalls mit Angst arbeitet. Politische Akteure fördern bevorzugt die Ängste, die sie zu beherrschen versprechen – die Rechte die Migration, gegen die man Grenzen anbietet, ihre Gegner die Faschismus-Warnung oder die Klimakatastrophe, gegen die man Politik anbietet. Die Mechanik ist dieselbe. Der Unterschied liegt im Preis, den andere zahlen: Die Angst vor dem Klimawandel hat keinen Sündenbock, der dafür bedroht wird. Die Angst vor Überfremdung hat einen.
Was bliebe, ist unspektakulär: ein besseres Angebot für dieselbe Verunsicherung. Eines, das ein echtes Wovor und Worum hat und die Erfahrung vermittelt, dass das eigene Handeln etwas bewirkt – ohne dafür Dritte zu belasten. In dem Kreis, dessen Schule schließt, hieße das vermutlich etwas sehr Konkretes: ein Verfahren, in dem die Bewohner erleben, dass sie einen Bus zurückholen können, weil sie ihn gemeinsam durchgesetzt haben. Vielleicht ist das zu klein gedacht. Aber es setzt bei der Kontrolle an, und die Kontrolle ist, was fehlt.
Was nicht gefragt wird
Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt wurde gefragt, wer gewählt hat, warum, mit welcher Zufriedenheit, mit welchem Vertrauen. Es wurde nicht gefragt, ob die Angst der Wähler nach der Wahl geringer war als davor. Wir messen, wer die AfD wählt. Wir messen nicht, was die Wahl mit der Verunsicherung macht, aus der sie hervorgeht. Ob ein integratives Angebot gegen eines bestehen kann, das schneller, einfacher und ohne Vorleistung zu haben ist, weiß ich deshalb nicht. Ich weiß nur, dass die nächste Runde der Deutungen kommen wird, und dass man sie daran messen kann, ob sie erklärt, was die Wahl leistet, oder nur beklagt, dass sie stattfindet.
Grundlage: meine Soziologie der Angst (Springer VS 2017): Bewältigung als Bedingung der Angstentstehung und Fremdenfeindlichkeit als Bewältigungsvariante (S. 392), die vier sozialen Stellschrauben der Angst (S. 447–448), soziale Produktion von Bedrohungsinformationen (S. 372–373, 450), Kritik an pauschalen Bedrohungs-Zeitdiagnosen (S. 76) und die indikatorgebundene Messfrage einer Angstzunahme (S. 403), Referat der Rechtsextremismusforschung (Hentges u. a., S. 332), externale Attribution als Wiederherstellung von Gewissheit, Kontrolle und Selbstwert (S. 333, 369–371), Becks „Sündenbock-Gesellschaft" (S. 93), Schamangst nach Scheff (S. 328–329), geschlechtsspezifische Emotionsnormen und Kontrolle als Männlichkeitsideal (S. 230–231, 344, 414) sowie der SOEP-Befund zu Sorgen nach Geschlecht (S. 418); zur Transformationserfahrung die empirischen Befunde zur Desorientierung in Ostdeutschland Anfang der Neunzigerjahre und ihrer Annäherung (S. 403), zu erhöhten existenziellen Sorgen im Osten (S. 415–416) und dazu, dass höhere Desorientierung nicht mit mehr Angst einherging (S. 433). Die Wahlforschungsbefunde (Lengfeld; Norris/Inglehart; Teney, GLES-Panel 2026; Hövermann, Hans-Böckler-Stiftung 2025; DIW 2026; Salomo 2019) sind überwiegend nach dem Buch erschienen und werden hier mit dessen Apparat gelesen; die Deutung der Wahl als Bewältigungshandlung führt das Modell weiter. Mecklenburg-Vorpommern: ARD-Hochrechnung und vorläufige Wählerwanderung, tagesschau.de, Wahlabend 20. September 2026, Stand 19:05 Uhr – die Zahlen werden nach Vorliegen des vorläufigen Endergebnisses aktualisiert; Vorwahlbefragung infratest dimap, 10. September 2026. Langfassung als Essay in Vorbereitung. — Für Einordnungen, Zitate oder Hintergrundgespräche: kontakt@maxdehne.de.