Dr. Max Dehne — Texte

Relais — wenn Maschinen miteinander sprechen und Menschen überbringen

· Essay · Kurzfassung

Die Maschine schreibt, der Mensch übergibt, die Maschine des Empfängers liest. In immer mehr Abläufen wird nirgends mehr verstanden, aber überall unterschrieben. Eine soziologische Beschreibung dessen, was dabei mit Autorschaft, Anerkennung und Verantwortung geschieht.

Kurzfassung eines Essays. Die Langfassung mit Belegen kann auf Anfrage geliefert werden.

Man kann sich den Ablauf inzwischen ohne große Phantasie vorstellen. Eine Lehrerin lässt sich ein Arbeitsblatt zur Weimarer Republik erzeugen. Ein Schüler lässt die Fragen beantworten, glättet zwei Sätze, damit es nach ihm klingt, und gibt ab. Die Lehrerin lädt dreißig solcher Abgaben in ein Korrekturwerkzeug, das Noten vorschlägt und Kommentare formuliert. Der Schüler lässt sich den Kommentar zusammenfassen: gut, aber die Quellen genauer lesen. Am Elternabend wird gelobt, wie sorgfältig die Klasse arbeitet.

Wer hat hier mit wem gesprochen? Niemand hat gelogen, jeder hat etwas getan. Und doch ist an keiner Stelle ein Gedanke von einem Kopf in einen anderen gewandert. Der Fall ist typisiert, man kann ihn beliebig ersetzen – durch Bewerbung und automatisierte Vorauswahl, durch Förderantrag und Gutachten, durch die lange Mail und ihre Zusammenfassung beim Empfänger. An beiden Enden sitzt eine Maschine. Dazwischen sitzen Menschen, die übermitteln.

Als ich diese Beobachtung zum ersten Mal notiert habe, stand dort das Wort Marionette. Die Beobachtung halte ich für richtig, das Wort inzwischen für schief. Eine Marionette hat einen Spieler, jemanden mit Absichten, der die Fäden hält. Im Kreislauf aus dem Klassenzimmer gibt es diesen Jemand nicht. Wer das Bild ernst nimmt, sucht nach einer Steuerung, die niemand ausübt.

Genauer ist ein Begriff aus der Technik: Relais. Ein Relais schaltet ein Signal weiter, das es nicht erzeugt hat und dessen Inhalt es nicht kennt, und es ist für den Betrieb unentbehrlich. Bruno Latour hat eine verwandte Unterscheidung vorgeschlagen: Mediatoren verändern, was sie weitergeben; Intermediäre reichen es unverändert durch. Die Lehrerin, die ihr Arbeitsblatt selbst schreibt, ist Mediatorin – sie wählt, kürzt, setzt Akzente, irrt sich mitunter. Die Lehrerin, die es erzeugen lässt, wird zur Intermediärin.

Drei Rollen, die auseinanderfallen

Erving Goffman hat den Sprecher in drei Rollen zerlegt: den Animator, der die Worte hervorbringt; den Autor, der sie auswählt; den Prinzipal, in dessen Namen gesprochen wird und der für sie einsteht. Im gewöhnlichen Gespräch fallen sie in einer Person zusammen. Goffman interessierten die Fälle, in denen sie sich trennen – der Nachrichtensprecher, der Regierungssprecher. Dort übernimmt jeweils ein anderer Mensch die fehlende Rolle, und jeder kann zur Rede gestellt werden.

Im Relais ist das anders. Der Mensch bleibt Animator, er übergibt und unterschreibt. Er bleibt Prinzipal, es ist seine Bewerbung, sein Antrag, seine Note. Verloren geht die mittlere Rolle, und sie geht an eine Instanz, die man nicht zur Rede stellen kann. Auf der Empfängerseite geschieht Ähnliches: Wer eine Zusammenfassung liest, bleibt Adressat und muss antworten, gelesen hat ein anderer. Auf beiden Seiten bleibt dem Menschen die Rolle, die ihn festlegt, und es geht die Rolle verloren, die ihn beteiligt.

Mit Niklas Luhmann gefragt: Findet hier überhaupt Kommunikation statt, wenn Kommunikation Verstehen voraussetzt? Elena Espositos Vorschlag, von künstlicher Kommunikation zu sprechen, hilft weiter. Maschinen verstehen nichts, aber ihre Beiträge sind anschlussfähig. Die Menschen liefern die Gültigkeit – nur ein Name kann eine Hausaufgabe abgeben –, die Maschinen liefern den Anschluss. Verstehen ist im Ablauf nicht vorgesehen.

Was ein Anschreiben einmal bewies

Das Relais setzt sich zuerst dort durch, wo Kommunikation schon vorher formalisiert war: in Akten, Formularen, Anträgen. Max Weber hätte darin die Fortsetzung der Aktenmäßigkeit gesehen. Dazu kommt eine doppelte Kompression. Text wird billig, Aufmerksamkeit bleibt knapp; wer schreiben lässt, schreibt länger, wer liest, lässt zusammenfassen.

Ein Anschreiben war, im Sinn der ökonomischen Signaltheorie, ein Beleg für Mühe: Es kostete einen Abend, und man sah ihm an, ob der Abend investiert worden war. Wird Text kostenlos, beweist er nichts mehr über die Person, die ihn übergibt. Signale verschwinden aber nicht, sie ziehen um – zur mündlichen Prüfung, zum Vorstellungsgespräch, zur Klausur unter Aufsicht.

Pierre Bourdieu hätte an dieser Stelle nach den Kapitalsorten gefragt. Ökonomisches Kapital kauft persönliche Betreuung, soziales Kapital verschafft sie: Wer jemanden kennt, wird angerufen statt ins Portal geschickt. Präsenz hat dabei zwei Gesichter. Oben ist sie Zuwendung, unten kann sie Zumutung sein – für den, der mit den Werkzeugen nicht umgehen kann und deshalb am Schalter anstehen muss. Und wer weder Zeit noch Mittel für Präsenz hat, dem bleibt der maschinelle Kanal, oft ohne dass ihn am anderen Ende jemand liest. Ich vermute, dass die Fähigkeit, selbst gut zu schreiben, als Bildungsausweis an Wert verliert und der Zugang zum persönlichen Kontakt an Wert gewinnt.

Haften, ohne gewählt zu haben

Die folgenreichste Verschiebung betrifft die Verantwortung. In meinen Arbeiten zur Attribution habe ich vorgeschlagen, dass Gesellschaften Regeln dafür haben, wer wofür verantwortlich gemacht werden darf. Enthält der Antrag eine erfundene Quelle, wird der Mensch sanktioniert, der ihn übergeben hat – obwohl er den Text nicht gewählt hat. Er ist Prinzipal, und Prinzipale haften. Der „human in the loop", den Regelwerke für automatisierte Systeme vorsehen, ist in dieser Lesart weniger Kontrolleur als Unterschrift unter fremdem Text.

Leiser, vielleicht folgenreicher: Wenn die Lehrerin die Arbeit lobt, wen lobt sie? Anerkennung verliert ihren Adressaten, und beide Seiten wissen es.

Was die These nicht sagt

Das Relais ist eine Tendenz unter Bedingungen, kein Schicksal: formalisiert, schriftlich, asymmetrisch, massenhaft. Das Gespräch unter Kollegen ist nicht immun, aber langsamer. Niemand im Beispiel handelt unvernünftig; die Lehrerin ist nicht faul, der Schüler nicht betrügerisch. Wer das Relais ändern will, muss die Lage ändern.

Für Institutionen ergibt sich daraus eine einfache Prüffrage: An welcher Stelle dieses Ablaufs versteht noch jemand? Man kann sie einer Schule, einer Personalabteilung oder einem Förderprogramm stellen und den Ablauf Schritt für Schritt durchgehen. Es reicht ein Blatt Papier. Was die Institution mit der Antwort tut, ist ihre Entscheidung.


Die Langfassung mit Belegen kann auf Anfrage geliefert werden: kontakt@maxdehne.de. Theoretische Bezüge: Erving Goffman, „Footing" (1979); Bruno Latour, Reassembling the Social (2005); Niklas Luhmann, Soziale Systeme (1984); Elena Esposito, Artificial Communication (2022); Michael Spence, „Job Market Signaling" (1973); Pierre Bourdieu, „Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital" (1983). Zur Attributionsordnung: Dehne, „Wieso, weshalb, warum? Attribution und die Entstehung (negativer) Emotionen" (2012). Die Relais-These führt diese Bezüge über ihren Gegenstand hinaus.

Bei Recherche und Überarbeitung dieses Textes kam KI zum Einsatz.