Dr. Max Dehne — Texte

PISA: Deutschland bangt um den Rangplatz — bedroht ist das untere Drittel

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Ein Vierteljahrhundert nach dem ersten PISA-Schock meldet die neue Studie die schwächsten deutschen Ergebnisse seit Beginn der Erhebungen — und das Land reagiert im eingespielten Ritual. Worauf richtet sich der Schock, wen bedroht der Befund tatsächlich, und was müsste eine Reaktion leisten, die länger hält als das Gefühl?

Im Dezember 2001 wurden die Ergebnisse der ersten PISA-Studie veröffentlicht, und binnen weniger Wochen hatte die Reaktion einen Namen, den sie bis heute trägt: „PISA-Schock". Das ist bemerkenswert selten — ein Fall, in dem nicht das Ereignis, sondern die Gefühlslage danach zum stehenden Begriff wurde. Ein Vierteljahrhundert später, am 8. September, hat die OECD die Ergebnisse von PISA 2025 vorgestellt: die schwächsten deutschen Werte in allen drei Kompetenzbereichen seit Beginn der Erhebungen. Und das alte Wort war sofort wieder da.

Mich interessiert an solchen Tagen weniger die Studie als die Reaktion — genauer: das Ritual, zu dem sie in fünfundzwanzig Jahren geworden ist. An ihm lässt sich beobachten, wie eine Gesellschaft mit schlechten Nachrichten über sich selbst umgeht: worauf sich ihre kollektive Beunruhigung richtet, wen die gemessene Bedrohung tatsächlich trifft — und was aus einem Schock werden kann, im besten wie im schlechten Fall.

Was gemessen wurde

Zuerst die Zahlen, mit ihren Grenzen. Deutsche 15-Jährige erreichten in Mathematik 464 Punkte (elf weniger als 2022), im Lesen 465 (fünfzehn weniger) und in den Naturwissenschaften 486 — wobei die OECD den Rückgang von sechs Punkten dort als statistisch nicht bedeutsam einstuft. Zur Übersetzung: Zwanzig Punkte auf der PISA-Skala entsprechen grob dem Lernzuwachs eines Schuljahres. Allein seit 2022 hat die durchschnittliche Lesekompetenz damit etwa ein Dreivierteljahr Schule verloren, gegenüber 2015 sind es in Mathematik rund zwei Jahre.

Die für mich wichtigste Zahl steht allerdings nicht im Länderranking: Rund ein Drittel der Jugendlichen verfehlt im Lesen und in Mathematik die Kompetenzstufe 2 — jene Schwelle, die die OECD als Mindestniveau für eine Teilhabe an Ausbildung, Beruf und Gesellschaft betrachtet. Zugleich schrumpft die Leistungsspitze auf unter zehn Prozent. Und eine Einschränkung gehört ins Bild: Der Rückgang ist kein deutscher Sonderfall. Im OECD-Durchschnitt fielen die Werte seit 2022 ebenfalls deutlich; die deutschen Verluste liegen etwas darüber. Wer will, kann daraus zwei entgegengesetzte Beruhigungen ziehen — „alle fallen" oder „wir sind ja Durchschnitt". Belastbar ist keine von beiden.

Worauf sich der Schock richtet — und wen der Befund trifft

Der öffentliche Schock richtet sich, damals wie heute, zuallererst auf etwas anderes: den Rangplatz. Deutschland auf Rang 23 bis 25, die asiatischen Systeme und Singapur vorn — so lief die Berichterstattung 2001, so läuft sie jetzt. Das ist kein Zufall, und es lohnt sich, die Mechanik ernst zu nehmen. Die Kränkung von 2001 bestand nicht darin, dass Jugendliche bestimmte Aufgaben nicht lösen konnten; sie bestand darin, dass ein Land, das sich als Bildungsnation verstand, plötzlich unter dem Durchschnitt lag. Bedroht war eine nationale Selbstbeschreibung — eines jener kollektiven Selbstbilder, an denen Gesellschaften emotional hängen, ohne es im Alltag zu bemerken.

Ein Rangplatz ist dabei ein Objekt besonderer Art: Er existiert nur im Vergleich. Was nur im Vergleich existiert, kann schon dadurch bedroht werden, dass andere sich bewegen — ganz gleich, was im eigenen Klassenzimmer geschieht. Die Beunruhigung, die sich an Platzziffern heftet, ist deshalb strukturell unstillbar; irgendwer zieht immer vorbei. Vor allem aber ist sie unadressiert. Die Empörung über Rang 25 hat kein konkretes Kind vor Augen.

Denn wen bedroht der Befund eigentlich? Die Studie beantwortet das präzise, man muss es nur nachlesen. An Gymnasien verfehlen drei bis sechs Prozent der Jugendlichen die Mindeststufe, an nicht gymnasialen Schularten sind es je nach Bereich 37 bis 47 Prozent. Sozioökonomisch begünstigte Jugendliche liegen in den Naturwissenschaften im Schnitt 125 Punkte vor den benachteiligten — nach der Faustregel der Skala mehr als sechs Schuljahre; im OECD-Durchschnitt beträgt dieser Abstand 85 Punkte. Und diese Lücke ist in Deutschland seit 2015 gewachsen, während sie im OECD-Durchschnitt kleiner wurde: Die Leistungen der Benachteiligten gingen zurück, die der Begünstigten blieben stabil. Der oft vermutete Faktor Zuwanderung erklärt davon weniger, als die Debatte nahelegt — berücksichtigt man soziale Herkunft und Familiensprache, schrumpft der Abstand der zweiten Generation auf 18 Punkte. Die Trennlinie verläuft nach Einschätzung der deutschen Studienleitung zwischen Lebenslagen, nicht zwischen Zuwanderungsgeschichten.

In der Sprache meines Fachs: Bedrohungen sind sozial produziert und sozial ungleich verteilt. Der „PISA-Schock" behandelt den Befund als Nationalrisiko — als bedrohe er „uns" alle gleichermaßen. Tatsächlich ist das Risiko, um das es geht, hochkonzentriert: bei dem Drittel, das die Schwelle verfehlt, und dieses Drittel wohnt nicht irgendwo, es besucht bestimmte Schularten in bestimmten Lagen. Der nationale Durchschnitt, über den jetzt debattiert wird, zeigt davon nichts. Ein Rangplatz kennt keine Adressen.

Was die verfehlte Schwelle konkret bedeutet, macht die Studie greifbar: Wer Kompetenzstufe 2 im Lesen nicht erreicht, kann die Hauptaussage eines mittellangen Textes nicht sicher erfassen. Man übersetze das in Alltag — ein Mietvertrag, ein Beipackzettel, ein Bescheid vom Amt, eine Nachrichtenmeldung vor einer Wahl.

Der Markt der Ursachen

Der zweite Akt des Rituals ist so verlässlich wie der erste: der Wettbewerb um die Ursache. Smartphones und soziale Medien, Corona, Migration, Bildungsföderalismus, Lehrkräftemangel, neuerdings die KI — binnen Tagen liegen alle Deutungen auf dem Tisch, und jede hat ihre Anhängerschaft. Solche Deutungen sind mehr als Erklärungsversuche: Sie sind Bewältigungsangebote. Sie verwandeln einen diffusen, beunruhigenden Befund in eine benennbare Ursache mit zuständigem Schuldigen und absehbarer Maßnahme. Und sie empfehlen sich weniger durch ihre Beleglage als durch ihre Bearbeitbarkeit und ihre Passung zu dem, was der jeweilige Sprecher ohnehin fordert.

Das aktuelle Beispiel liefert die Studie gleich mit. Die naheliegendste Deutung — die Bildschirme sind schuld — wird von der OECD selbst ausdrücklich als unbewiesen markiert. Die Daten zeigen eine bescheidene Korrelation (wer von digitaler Ablenkung im Unterricht berichtet, schneidet im Schnitt acht Punkte schwächer ab), und Handyverbote gelten inzwischen für fast zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler in Deutschland, während die Werte weiter fielen. Ich rechne trotzdem damit, dass diese Deutung die Debatte der nächsten Wochen dominiert. Ein Verbot ist eine sichtbare Handlung mit Sofortvollzug — als Bewältigung ist es attraktiv, unabhängig von seiner Wirkung auf das gemessene Problem. Ich nehme mich dabei nicht aus: Auch die Lesart, die ich hier anbiete, ist ein Deutungsangebot und muss sich dieselbe Frage gefallen lassen, was sie erklärt und was nicht.

Was ein Schock leisten kann

Man kann am PISA-Fall allerdings auch studieren, was kollektive Beunruhigung im Glücksfall vermag. Auf den Schock von 2001 folgten reale institutionelle Umbauten: bundesweite Bildungsstandards, ein Institut zu ihrer Überprüfung, Vergleichsarbeiten, der Ausbau von Ganztagsschulen und Sprachförderung. Und die Werte stiegen tatsächlich — in den 2000er Jahren arbeitete sich Deutschland über den OECD-Durchschnitt. Der erste PISA-Schock gehört damit zu den seltenen Fällen, in denen eine Gefühlsaufwallung in Institutionen überführt wurde, bevor sie verebbte.

Seit etwa 2015 fallen die Werte wieder; die deutsche Studienleitung erklärt die Aufholjagd für beendet. Woran das liegt, ist offen — erschöpfte Reformwirkung, veränderte Rahmenbedingungen, die Pandemie-Jahrgänge, verändertes Mediennutzungsverhalten; vermutlich mehreres zugleich. Für die Gegenwart scheint mir eine andere Lehre wichtiger: Ein Schock hält Wochen, eine Schülergeneration braucht ein Jahrzehnt. Kollektive Emotionen haben kurze Halbwertszeiten; Bildungsreformen zeigen ihre Wirkung frühestens nach Jahren. Wer die Reaktion auf die Empörung baut, erbt deren Verfallsdatum. 2001 ist die Übersetzung von Gefühl in Struktur gelungen — in einer Medienöffentlichkeit, die deutlich langsamer getaktet war als die heutige. Ob sie unter Gegenwartsbedingungen wiederholbar ist, wird sich zeigen müssen.

Die zweite Rechnung

Was mich an dieser Studie als Angstsoziologen am meisten beschäftigt, geht über die Bildungsdebatte hinaus. Was bei einem Drittel der Jugendlichen wegbricht, ist nicht einfach Schulstoff. Sinnentnehmendes Lesen und die Fähigkeit, anhand von Daten zu beurteilen, ob eine Schlussfolgerung zulässig ist — exakt so definiert die Studie ihre Mindestkompetenzen —, sind zugleich die Grundausstattung, mit der Menschen Verunsicherung bearbeiten: prüfen, was stimmt; einschätzen, was einen selbst betrifft; entscheiden, wem man glauben kann. Informationssuche gehört zu den zentralen Formen, in denen Menschen mit Angst umgehen. Wer Texte nicht prüfen kann, dem bleibt der Rückgriff auf fertige Deutungen — in einer Öffentlichkeit, in der fertige Deutungen ein Geschäftsmodell sind.

Eine Gesellschaft, die einem Drittel ihrer 15-Jährigen diese Ausstattung nicht mitgibt, verteilt deshalb mehr ungleich als Berufschancen: Sie verteilt die künftige Fähigkeit, Ungewissheit zu bearbeiten, und zwar entlang derselben sozialen Linien, an denen schon die Kompetenzen verlaufen. Dazu passt ein Nebenbefund, der wenig Beachtung findet: Ein Drittel der Jugendlichen in Deutschland hält die Schule für Zeitverschwendung — deutlich mehr als im OECD-Durchschnitt (24 Prozent) und vier Prozentpunkte mehr als bei der Erhebung 2022. Die Institution verliert bei einem Teil ihrer Adressaten die Deutungshoheit über ihren eigenen Sinn — das wäre eine eigene Untersuchung wert.

Rang oder Drittel

Für die Debatte der kommenden Wochen ergibt sich aus alledem ein einfaches Prüfkriterium: Zielen die Antworten auf den Rang oder auf das Drittel? Rang-Antworten sind schnell, symbolisch und national formatiert; sie beruhigen die gekränkte Selbstbeschreibung. Drittel-Antworten sind langsam, unspektakulär und adressiert — sie binden Mittel an konkrete Schulen statt an Durchschnitte. Das 2024 gestartete Startchancen-Programm, das rund zwanzig Milliarden Euro über zehn Jahre gezielt in gut viertausend Schulen in schwierigen Lagen gibt, folgt der zweiten Logik; ob Umfang und Ausdauer reichen, lässt sich heute nicht beurteilen.

Ob die Unterscheidung gelingt, wird man jedenfalls nicht am Erscheinungstag ablesen können, an dem alle über den Rangplatz reden. Man wird es daran ablesen, was von den Ankündigungen dieser Wochen in den Haushaltsberatungen des nächsten Jahres noch übrig ist — dann, wenn der Schock verklungen ist und das Drittel noch da.


Grundlage der Zahlen: OECD, PISA 2025 (Band I, veröffentlicht am 8. September 2026); nationale Auswertung durch das Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien (ZIB/TU München). Die Einordnung stützt sich auf meine Soziologie der Angst (Springer VS 2017), insbesondere auf die soziale Produktion und ungleiche Verteilung von Bedrohungslagen und Bedrohungsinformationen, Informationssuche als Bewältigungsform und die Wirkungsdauer kollektiver Emotionen; die Anwendung auf die aktuelle Debatte führt das Modell weiter. — Für Einordnungen, Zitate oder Hintergrundgespräche: kontakt@maxdehne.de.