Dr. Max Dehne — Texte

Übungsraum oder Ausweichquartier — KI-Begleiter entlang der sozialen Ungleichheit

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Eine neue Arbeit in Nature Human Behaviour beschreibt eine „Rich-get-richer“-Dynamik bei KI-Begleitern: Gut Vernetzte üben mit ihnen, Einsame ersetzen mit ihnen. Die Angstforschung kennt diese Weiche. Bewältigungschancen sind sozial verteilt — und die Maschine macht die entlastende, lageerhaltende Variante so verfügbar wie kaum ein Mittel zuvor.

Die Frage, ob KI-Begleiter nützen oder schaden, ist in den vergangenen zwei Jahren so oft gestellt worden, dass sie inzwischen etwas Ermüdendes hat. Eine Gruppe um Zhang Qiyang, Zhang Renwen und Liu Nan aus Singapur schlägt in Nature Human Behaviour vor, sie durch eine andere zu ersetzen: Wer profitiert, wer trägt die Risiken, und warum verteilen sich beide so ungleich? Menschen mit tragfähigen Familien- und Freundschaftsbeziehungen nutzen KI-Begleiter demnach ergänzend: Sie proben schwierige Gespräche, sie entlasten sich nach einem anstrengenden Tag. Menschen, die einsam sind oder keinen Zugang zu psychosozialer Hilfe haben, nutzen dieselben Programme eher als Ersatz für menschlichen Kontakt. Die Autoren sprechen von einer „rich-get-richer“-Dynamik und warnen vor einer schleichenden Entwöhnung vom Umgang mit anderen, weil die Gelegenheit fehlt, ihn zu üben.

Mich interessiert an diesem Befund weniger die Warnung als die Weiche. In meiner Arbeit zur Angst habe ich Bewältigung als rückgekoppelten Prozess beschrieben: Was jemand tut, um eine bedrohliche Lage zu bearbeiten, verändert die Lage — und damit die nächste Angst. Angst entsteht, wenn eine Situation in drei Hinsichten eingeschätzt wird: Etwas Wichtiges steht auf dem Spiel, ob es eintritt, ist ungewiss, und man hat wenig in der Hand. Jede dieser Einschätzungen hat eine faktische Ausprägung, eine Wichtigkeit und eine Salienz — ein Maß dafür, ob sie überhaupt in den Blick gerät. Bewältigung setzt an diesen Stellgrößen an: Man kann Situationen meiden oder aufsuchen, sie verändern, die Aufmerksamkeit lenken, die Lage umdeuten oder die eigene Reaktion dämpfen.

Wer mit dem Programm ein Konfliktgespräch probt, bevor er es führt, verändert die Situation, in die er geht: Die Kontrolle wächst in ihrer Ausprägung, weil die Handlungsmöglichkeiten real größer werden; das Gespräch bleibt wichtig und bleibt im Blick. Die Angst sinkt, weil sich die Lage ändert. Wer mit dem Programm das Gespräch ersetzt, wählt eine andere Situation: An der Lage ändert sich nichts, aber die Bedrohung verliert an Salienz — sie ist vorerst aus dem Blick, und das entlastet unmittelbar. Auf Dauer dürfte diese Variante die Ausprägung der Kontrolle senken: Die Entwöhnung, vor der die Autoren warnen, wäre ein realer Schwund an Fähigkeiten im Umgang mit anderen. Und das, worum es eigentlich geht — Anerkennung durch andere —, könnte seinen Ort wechseln: zur Maschine, die sie ohne das Risiko der Zurückweisung gewährt. Die Angst sinkt auch hier — aber höchstens für den Moment, denn verändert hat sich allein die Salienz. Wichtigkeit und Ausprägung bleiben, wie sie sind, die Kontrolle sinkt eher noch: Sobald die Lage wieder in den Blick gerät, ist die Angst zurück, und die Voraussetzungen, ihr zu begegnen, sind schlechter geworden.

Das Neue an der Arbeit aus Singapur liegt in der Frage, wer auf welchem Weg landet. Ich habe die sozialen Bedingungen, unter denen eine Lage als bedrohlich eingeschätzt wird, zugleich als Restriktionen ihrer Bewältigung beschrieben: Wer die Mittel nicht hat, eine Gefahr zu beherrschen, kann sich Kontrolle auch nicht einreden, ohne an der Wirklichkeit zu scheitern; ihm bleibt, die Ansprüche zu senken oder der Lage auszuweichen. Robert Merton hat daraus die Zielanpassung der unteren Lagen abgeleitet, Pierre Bourdieu den Geschmack an dem, was ohnehin erreichbar ist; beide sahen, dass diese Anpassung die Ungleichheit fortschreibt, aus der sie stammt. Bewältigungschancen sind ungleich verteilt, und ihre Verteilung reproduziert sich über die Bewältigung selbst. Wer über Rückhalt, Zeit und Zugang zu Hilfe verfügt, kann sich der Bedrohung aussetzen, weil er weiß, wohin er zurückkehrt; wer das nicht hat, muss sich schonen. Der KI-Begleiter erfindet diese Logik nicht. Er reiht sich in sie ein und verschärft sie womöglich, weil er die entlastende Variante so verfügbar macht wie kaum ein Mittel zuvor — zu jeder Stunde und ohne ein Gegenüber, das müde wird. Für die einen ist das ein Übungsraum, für die anderen ein Ausweichquartier.

Die zweite Beobachtung der Autoren betrifft die Aufsicht. KI-Begleiter werden in den meisten Ländern wie Konsum-Apps behandelt, obwohl sie für emotionale Unterstützung genutzt werden und dort wirken. Die Autoren schlagen vor, sie als Technologien mit psychosozialer Wirkung einzustufen, was Altersvorgaben, Offenlegungspflichten, Grenzen für bindende Gestaltungselemente und Krisenprotokolle nach sich zöge; eine von Zhang Qiyang aufgebaute Übersicht über nationale Regelwerke deute darauf hin, dass die meisten Staaten bislang keine eigenen Vorgaben haben. Ich lese diese Lücke als Kontrollfrage. Eine Gesellschaft, die ein Programm als Unterhaltung einstuft, erklärt damit zugleich, dass sie sich für dessen Wirkung auf Einsame nicht zuständig fühlt — und überlässt die Kontrolle denen, die am wenigsten davon haben. Die Regulierungsfrage ist insofern zugleich eine Anerkennungsfrage: Sie entscheidet, ob die Nutzung als Gesundheitsverhalten zählt oder als Zeitvertreib.

Vielleicht ist das zu grob. Das Modell der Autoren ist ein Rahmen, kein Nachweis; die Längsschnittdaten, die zeigen würden, dass die ersatzweise Nutzung tatsächlich zu einer Verkümmerung sozialer Fähigkeiten führt, liegen noch nicht vor, und die Autoren sagen das auch. Aber die Weiche selbst ist in der Bewältigungsforschung gut beschrieben, und sie erklärt, warum die Bilanzfrage nach Nutzen oder Schaden so lange unentscheidbar geblieben ist: Sie hat für verschiedene Menschen verschiedene Antworten. Offen bleibt für mich, wo die Grenze zwischen Ergänzung und Ersatz im Einzelfall verläuft — ob jemand, der abends mit der Maschine spricht, weil niemand sonst da ist, gerade übt oder gerade ausweicht. Das wird man ihm nicht ansehen. Man wird ihn fragen müssen, wen er am nächsten Tag anruft.


Quelle: Zhang Qiyang, Zhang Renwen, Liu Nan u. a., „How AI companions could deepen social inequality“, Nature Human Behaviour (September 2026). Die Einordnung stützt sich auf meine Soziologie der Angst (2017), Kapitel 5.3: Bewältigung als rückgekoppelter, sozial restringierter Prozess, der an den Einschätzungsdimensionen und ihren Parametern Ausprägung, Wichtigkeit und Salienz ansetzt; die sozialen Bedingungen der Einschätzung als Restriktionen der Bewältigung; die Reproduktion sozialer Ungleichheit durch restringierte Bewältigung (Merton, Bourdieu, Durkheim). Neu ist die Anwendung auf KI-Begleiter.

Bei Recherche und Überarbeitung dieses Textes kam KI zum Einsatz.