Dr. Max Dehne — Texte

Gesellschaft und Angst — eine Einführung am Beispiel von Rezession und KI-Boom

· Essay · Langfassung

Die großen Zeitdiagnosen von Beck bis Bauman haben die Angst gleich mitdiagnostiziert. Genauer wird es, wenn man fragt, wer woran hängt, was als wahrscheinlich gilt, wem Kontrolle zugetraut wird und wer sich fürchten darf. An einer Frage, die gerade viele Beschäftigte umtreibt, ob es den eigenen Arbeitsplatz in Flaute und KI-Umbruch in drei Jahren noch gibt, zeigt sich, dass jede dieser Einschätzungen sozial und kulturell verteilt ist.

Zeitdiagnosen und Kontingenzangst: was die großen Entwürfe übersehen

Wer wissen will, was Angst in einer Gesellschaft ist, sollte nicht mit der Angst anfangen. Man sollte mit dem anfangen, was vor ihr liegt und sehr viel häufiger ist als sie: mit dem Nichtwissen darüber, wie es weitergeht. Ungewissheit ist keine Ausnahmelage moderner Gesellschaften. Sie ist ihr Normalfall.

Die Soziologie hat diese Lage seit den achtziger Jahren in großen Diagnosen beschrieben und die Angst meist gleich mitdiagnostiziert. Ulrich Beck sah eine Risikogesellschaft, die ihre Gefahren selbst herstellt und jeden Einzelnen zum Planungsbüro der eigenen Biographie macht; wer arbeitslos wird, hat dann versagt. Zygmunt Bauman beschrieb eine flüchtige Moderne und eine Angst, die sich von ihren Anlässen löst und frei flottiert. Anthony Giddens sprach von ontologischer Sicherheit, Hartmut Rosa beschreibt eine Welt, die sich entzieht, je verfügbarer wir sie machen wollen, Andreas Reckwitz einen Verlust, den eine auf Fortschritt gebaute Gesellschaft nicht zu denken gelernt hat. Und Niklas Luhmann hielt 1986 fest, dass die wissenschaftliche Aufklärung von Risiken der Angst neue Nahrung gibt.

Ich verdanke diesen Diagnosen die Fragen, mit denen ich arbeite. Für die Angst, die sie als charakteristisch für die Gegenwart beschreiben, verwende ich einen eigenen Begriff: Kontingenzangst. Sie besteht im Leiden an der Unbestimmtheit selbst, an einer Zukunft, die offen ist, ohne dass sich sagen ließe, was genau bevorsteht und wovor man sich fürchten müsste. An zwei Stellen bleiben die Diagnosen aber ungenau. Sie behandeln die Gesellschaft als ein Subjekt, das Angst hat; wer Angst hat, wovor, worum und mit welchen Mitteln, wird selten gefragt. Und sie schließen zu schnell von Kontingenz auf Kontingenzangst. Offenheit ist auch Chance, und ob jemand in ihr die Bedrohung sieht, hängt davon ab, wie wichtig ihm Gewissheit und Kontrolle sind. Bauman hat das gesehen, als er fragte, warum sich ausgerechnet die am besten Versorgten am meisten fürchten: Ihnen ist der Anspruch auf Sicherheit geblieben, während der Glaube an ihre Herstellbarkeit verschwand. Ich halte diese Beobachtung für die wichtigste der Debatte und will sie in ihre Teile zerlegen: in Einschätzungen, Objekte und die gesellschaftlichen Bedingungen, die beides verteilen. Angst ist ein soziologischer Gegenstand, weil die Einschätzungen, aus denen sie entsteht, sozial und kulturell verteilt sind. Ich zeige das an einer Frage, die im Moment viele Beschäftigte in Deutschland umtreibt: ob es den eigenen Arbeitsplatz in drei Jahren noch gibt.

Ungewissheit: Rezession, KI-Boom und eine Rundmail

Die deutsche Wirtschaft kommt seit Jahren nicht recht in Gang, die Zahl der Arbeitslosen lag im August 2026 wieder über drei Millionen, und in der Industrie ist seit 2019 etwa jede vierzehnte Stelle weggefallen, obwohl sich die Umsätze zuletzt wieder gefangen haben. Zugleich ziehen Sprachmodelle in die Büros ein. Niemand kann sicher sagen, welcher der beiden Vorgänge gerade wirkt. Beide sind zu weiten Teilen Instanzen dessen, was die Zeitdiagnosen beschreiben: Wann und ob die Wirtschaft wieder wächst, weiß niemand, und welche Tätigkeiten Sprachmodelle in drei Jahren übernehmen, wissen auch die nicht, die sie bauen. Die Lage ist deshalb ein Nährboden für Kontingenzangst, lange bevor irgendjemand eine Kündigung in der Hand hält.

Man stelle sich ein mittelgroßes Industrieunternehmen vor, das in einer Rundmail zweierlei ankündigt: ein Programm zur Kostensenkung wegen schwacher Nachfrage und die Einführung von KI-Werkzeugen „zur Entlastung der Teams". Die Mail erreicht am selben Vormittag die Buchhaltung, die Konstruktion, das Marketing, die Montage, die Leiharbeiter und die Befristeten. Sie enthält für alle dieselbe Information und löst in jeder Abteilung etwas anderes aus.

Zunächst die Ungewissheit selbst. Sie ist nicht dasselbe wie Bedrohung, sie hat ein Maß. Ich fasse sie als die subjektive Wahrscheinlichkeit, mit der jemand ein Ereignis erwartet, und dieses Maß ist in der Mitte am größten, dort, wo etwas ebenso gut eintreten wie ausbleiben kann, formal bei fünfzig Prozent. Wer seine Kündigung sicher erwartet, ist nicht ungewiss, er ist bedroht; wer sicher ist, dass es ihn nicht trifft, arbeitet weiter. An dieser Mitte hängt die Kontingenzangst. Die Rundmail verstärkt sie, weil sie offenlässt, ob die Flaute gemeint ist oder die Maschine. Wie daraus konkrete Angst wird, Angst vor etwas und um etwas, führt von der Ungewissheit weg und zur Verteilung hin.

Das Modell: drei Einschätzungen und die Emotionsnormen

Damit aus Ungewissheit konkrete Angst wird, müssen nach meinem Modell drei Einschätzungen zusammenkommen. Etwas Wichtiges, ich nenne es das Identifikationsobjekt, wird als bedroht betrachtet. Die Lage wird als ungewiss oder ein bestimmtes Ereignis als wahrscheinlich wahrgenommen. Und die Situation erscheint als eventuell nicht kontrollierbar. Eine vierte Größe entscheidet mit, ob aus dieser Konstellation Angst werden darf: die Emotionsnormen, die Regeln dafür, wer in welcher Lage welches Gefühl haben und zeigen soll. An der Angst vor Arbeitslosigkeit habe ich in meinem Buch gezeigt, wie diese Größen einander widersprechen können, etwa wenn das Bild vom starken Mann sich nicht mit dem Eindruck verträgt, nichts tun zu können. Keine dieser Einschätzungen ist Privatsache.

Identifikationsobjekt: die einen fürchten um ihren Status, die anderen um die Miete

Was bedroht ist, wenn eine Stelle wackelt, scheint klar: das Einkommen. Die Angst um den Arbeitsplatz ist aber fast immer ein Bündel aus finanzieller Lebensgrundlage und Selbstkonzepten, der eigenen Kompetenz, der Anerkennung durch Kollegen, Familie und Freunde. Wie diese Teile gewichtet sind, hängt davon ab, wo man steht.

In der Buchhaltung, im Marketing, in der Sachbearbeitung, bei allen, deren Arbeit aus Formulieren, Prüfen und Zusammenfassen besteht, richtet sich die Frage zuerst auf den Wert dessen, was man kann. Das Gehalt kommt vorerst weiter; fraglich ist, ob die eigene Qualifikation in drei Jahren noch etwas gilt. Neu ist, wen es trifft. Frühere Rationalisierungswellen trafen vor allem die Hand, das Fließband, das Lager, den Schriftsatz, und die Wissensarbeit galt als ihr sicherer Hafen, die Bildung als Versicherung dagegen. Sprachmodelle treffen zum ersten Mal Gruppen, deren Status auf eben den Fähigkeiten beruht, die sie billig machen. Was dort droht, ist deshalb auch eine Kränkung: der Verlust einer Anerkennung, die man sich mit Bildung erworben zu haben glaubte, und die Einsicht, dass die Versicherung nicht mehr gilt. In der Montage, bei den Befristeten und in der Leiharbeit steht zuerst das Auskommen auf dem Spiel, die Miete, der Kredit, das Auto für die Fahrt zur Schicht. Die Bedrohung kommt hier eher von der Flaute als von der Maschine, und sie ist näher. Dieselbe Mail, aber bedroht ist nicht dasselbe.

Wie eng Arbeit mit Anerkennung verknüpft ist und wie eng mit Not, ist selbst sozial geformt. Wo eine Arbeitslosenversicherung trägt, führt der Verlust der Stelle nicht zum Hunger. Wer die Nachkriegszeit erlebt hat oder, das füge ich hinzu, den Zusammenbruch der ostdeutschen Industrie nach 1990, verbindet Arbeitslosigkeit enger mit Not als jemand, der in den Jahren des Fachkräftemangels ins Berufsleben kam. Und wo einer als Ernährer gilt, trägt die Stelle für ihn mehr als ein Einkommen, sie trägt seine Rolle; die Forschung, die ich ausgewertet habe, erwartet deshalb, dass Männer wirtschaftliche Bedrohungen eher als beängstigend empfinden. Woran Menschen hängen, verteilt eine Gesellschaft, bevor sie Risiken verteilt.

Wahrscheinlichkeit: was man über KI weiß und wem man glaubt

Ob der eigene Arbeitsplatz wahrscheinlich wegfällt, wirkt wie eine Frage der Fakten, aber die Fakten sind dünn, und so entscheidet, was man weiß und wem man glaubt. In den Sorgendaten des Sozio-oekonomischen Panels, die ich für mein Buch ausgewertet habe, sorgten sich besser Gebildete weniger um ihren Arbeitsplatz, Ostdeutsche mehr als Westdeutsche, und die wirtschaftlichen Sorgen folgten über die Jahre recht genau der Arbeitslosenquote. Bei der KI kehrt sich der Bildungseffekt womöglich um: Nach einer Befragung der TU Darmstadt aus diesem Jahr sorgen sich gerade diejenigen am meisten um ihren Job, die KI am besten verstehen. Wissen mindert Ungewissheit, es kann aber einen schlechten Ausgang wahrscheinlicher machen, wenn es zeigt, dass sich die eigenen Arbeitsergebnisse digitalisieren lassen. Der Konstrukteur, der täglich mit einem Sprachmodell arbeitet, rechnet anders als die Kollegin, die es nie geöffnet hat, und beide anders als der Kollege in der Montage, dem die Kurzarbeit näher ist.

Die Geschäftsführung schreibt, KI werde niemanden ersetzen, nur entlasten. Ob dieser Satz die Einschätzung senkt, hängt an den Bedingungen der Glaubwürdigkeit, die ich in meinem Buch beschrieben habe: an den bisherigen Erfahrungen mit der Quelle, an der Kompetenz, die man ihr aufgrund ihres Status zuschreibt, und an den strategischen Gründen, die man ihr unterstellt. Wer die letzte Umstrukturierung überstanden hat, weil der Betriebsrat etwas ausgehandelt hat, liest den Satz anders als jemand, der eine ähnlich freundliche Mail vor der letzten Entlassungswelle bekam. Welche Quellen man überhaupt hört, die Wirtschaftspresse, die Gewerkschaft oder den Schwager in der IT, ist nach Milieu, Bildung und Alter verschieden. Die Wahrscheinlichkeit, die jemand schätzt, ist nie nur die seiner Stelle. Sie ist die, die seine Quellen zulassen.

Kontrolle: wer sich mit Qualifikation, Ersparnissen und Betriebsrat wehren kann

Die Kontrolle ist die am deutlichsten verteilte Einschätzung. Ob jemand glaubt, dem Wegfall seiner Stelle etwas entgegensetzen zu können, hängt an dem, was er einsetzen kann: eine Qualifikation, die auch anderswo gefragt ist, ein Alter, in dem man noch eingestellt wird, die Möglichkeit umzuziehen, Ersparnisse, einen Betriebsrat, der mitredet, wenn die neuen Werkzeuge kommen. Wer im Arbeitsleben gelernt hat, dass über ihn entschieden wird, überträgt diese Erfahrung auf die nächste Lage; solche Einschätzungstendenzen folgen Schicht, Bildung und Herkunft, und schon das Risiko, arbeitslos zu werden, ist nach sozialer Position und Herkunft ungleich verteilt. In den Panel-Daten ging eine hohe Kontrollwahrnehmung mit geringeren Sorgen um den Arbeitsplatz einher.

Verteilt ist auch, wie wichtig Kontrolle ist. In einer Kultur, die Selbstbestimmung hoch hält, gilt das Eingeständnis, nichts tun zu können, als nicht ganz legitim, und wer es macht, riskiert Anerkennung. Von Männern wird Kontrolle stärker erwartet als von Frauen, der Ausweg, den Anspruch auf Kontrolle zu senken, ist ihnen schwerer zugänglich. Mit dem Alter wird weniger Kontrolle verlangt. Das entlastet den Mittfünfziger, der sich sagt, die paar Jahre halte er noch durch, und nicht die Dreißigjährige, die noch drei Jahrzehnte vor sich hat.

Zurechnung: ob Konjunktur, Management oder man selbst schuld ist

Zur Kontrolle gehört, wem man die Lage zurechnet. Ich habe 2012 vorgeschlagen, analog zu Hochschilds Gefühlsregeln von Attributionsregeln zu sprechen, gesellschaftlichen Erwartungen darüber, wer unter welchen Umständen wofür verantwortlich gemacht werden kann und darf. Die Rundmail bietet mehrere Adressen an: die Konjunktur, die Energiepreise, die Politik, das Management, den technischen Fortschritt oder einen selbst. Wird der Abbau dem Management zugerechnet, das anders hätte entscheiden können, entsteht Wut. Rechnet man ihn sich selbst zu, weil man die Weiterbildung nicht gemacht hat, entsteht Scham; Beck hat gesehen, dass Arbeitslosigkeit in einer individualisierten Gesellschaft als persönliches Versagen gilt. Wird er Umständen zugeschrieben, die niemand zu verantworten hat, entsteht weder das eine noch das andere.

Diese Zurechnung auf die Umstände wird gezielt zur Entlastung eingesetzt. Als ich das 2012 beschrieb, verwiesen Arbeitgeber auf den internationalen Konkurrenzdruck; „die Nachfrage ist eingebrochen" und „die Technik ist nun einmal so weit" sind die heutigen Fassungen. Sie nehmen den Beschäftigten den Anlass zur Wut und lassen ihnen die Prognose, und eine Ursache, die sich jederzeit ändern kann und die niemand beeinflusst, erzeugt ein Höchstmaß an Ungewissheit. In dieser Konstellation entsteht Angst. Die Regeln sind zudem nach Status verteilt: Wer unten steht, schreibt Misserfolge eher sich selbst zu und bestätigt damit die Ordnung, in der er unten steht. Und welche Zurechnung plausibel ist, entscheidet ein Umfeld. Drohende Arbeitslosigkeit globalen Finanzinvestoren zuzuschreiben, leuchtet vielen ein, einer wachsenden Population von Breitmaulfröschen niemandem, und die Zuschreibung auf Zuwanderer ist in manchen Milieus sagbar und in anderen nicht.

Emotionsnormen: wer sich fürchten darf, wo „Offenheit für Veränderung“ verlangt ist

Und die Emotionsnormen. Angst vor Arbeitslosigkeit gilt allgemein als verständlich, im Betrieb aber gelten andere Regeln. Wer in der Teamrunde sagt, er habe Angst um seine Stelle, verstößt gegen eine Erwartung, die gegenwärtig in vielen Organisationen gilt: offen für Veränderung zu sein, am besten begeistert. Christian von Scheve und ich haben 2016 vermutet, dass die Gegenwart positive Gefühle zu einem kulturellen Ziel erhebt, während die Mittel, es zu erreichen, ungleich verteilt sind; die Aufbruchsstimmung, die in Einführungsworkshops erwartet wird, wäre ein Fall davon. Über Kündigungsangst spricht man nicht vor der Führungskraft, die über die nächste Vertragsverlängerung mitentscheidet. Männern verbieten die Normen die Angst strenger als Frauen. Bemerkenswert fand ich, dass Männer und Frauen sich in den Panel-Daten ungefähr gleich viel um ihren Arbeitsplatz sorgten; die Normen unterscheiden sich offenbar stärker als die Sorgen.

Emotionsnormen sind keine Fassade über einem fertigen Gefühl. Sie greifen schon in die Entstehung ein: Wer gelernt hat, dass Angst unmännlich oder unprofessionell ist, liest die Mail anders. Die Angst, die nicht sein darf, verschwindet dabei nicht. Sie wird zu Gereiztheit gegenüber den Kollegen, die die Werkzeuge begeistert ausprobieren, zu Spott über den „KI-Hype" oder zu einem Schweigen, das die Führungskraft für Zustimmung hält. Von Angststörungen rede ich hier nicht; für sie ist die Medizin zuständig. Ich rede von der Angst, die eine Gesellschaft ihren Mitgliedern nahelegt, verbietet oder umlenkt.

Ein Wort zum Ländervergleich. Die Rede von der German Angst findet in den europäischen Vergleichsdaten, die ich analysiert habe, keine Stütze; die Deutschen berichten seltener Angst als die Menschen in fast allen anderen Ländern der Erhebung. Das beruht allerdings auf einer einzigen Frage nach der Häufigkeit des Angsterlebens, und es sagt nichts darüber, wie Ängste innerhalb des Landes verteilt sind.

Bewältigung: Prompt-Kurs, Wegsehen und Schuldzuweisung als ungleich verteilte Auswege

Bis hierher könnte man das Modell als Kette lesen: Ungewissheit, Einschätzungen, Angst, danach die Bewältigung. An dieser Stelle, die ich für die wichtigste des Ansatzes halte, ist die Kette falsch. Bewältigung kommt nicht nach der Angst. Sie steckt in ihr.

Wer sich nach der Mail für einen Prompt-Kurs anmeldet oder abends eine Weiterbildung beginnt, verändert seine Kontrolleinschätzung, oft bevor sich überhaupt Angst eingestellt hat. Wer sich sagt, in seiner Abteilung brauche man Menschen, senkt die Wahrscheinlichkeit, ohne dass sich an der Lage etwas geändert hätte. Wer keine Artikel über KI mehr anklickt, lenkt seine Aufmerksamkeit um. Wer sich sagt, Arbeit sei nicht alles, senkt die Wichtigkeit des Objekts, was beim Arbeitsplatz schwerer fällt als bei einer Prüfung und leichter dort, wo eine Arbeitslosenversicherung trägt. Und wer sofort weiß, wer schuld ist, das Management, die Regierung oder die Zugewanderten, hat die Ungewissheit aufgelöst, einen Gegner gewonnen und den eigenen Selbstwert geschützt; das Gefühl heißt dann Wut. Jede dieser Formen verändert die Einschätzungen, aus denen Angst entsteht, und gehört deshalb in ihre Erklärung.

Auch diese Wege sind verteilt, und zwar durch dieselben Bedingungen, die die Einschätzungen prägen. Die Weiterbildung braucht Zeit, Geld und einen Arbeitgeber, der sie bezahlt, und sie lohnt sich eher für jemanden, der noch zwanzig Berufsjahre vor sich hat. Die Schuldzuweisung braucht ein Milieu, das sie plausibel findet. Das Wegsehen steht allen offen und fällt in keiner Statistik auf. Bewältigung ist eine ungleich verteilte Ressource, und ihre Verteilung erklärt einen Teil der Verteilung der Angst. Und weil unter Angst auch andere Lagen ungewisser und weniger kontrollierbar erscheinen, richtet der freundliche Rat, sich doch einfach mit den neuen Werkzeugen vertraut zu machen, bei vielen so wenig aus.

Gesellschaftliche Ebene: Warnungen ohne Entwarnung, Gewissheit als Anspruch

Die Einschätzungen werden von außen mit Material versorgt. Das Wissen darüber, was eine KI übernehmen wird, wird produziert, vermittelt und aufgenommen, und an jeder Stelle wird ausgewählt: Beratungsfirmen rechnen Automatisierungspotenziale aus, Medien berichten eher über Stellenabbau als über Abteilungen, in denen sich wenig ändert, und aufgenommen wird, was zum Vorwissen passt. Für das Warnen gibt es eine Infrastruktur, für das Entwarnen fast keine.

Und schließlich das, was ich für die eigentliche Kulturdiagnose halte. Wie viel Ungewissheit Menschen ertragen, hängt daran, wie wichtig ihnen Gewissheit und Kontrolle überhaupt sind, und das variiert zwischen Milieus, Generationen und Ländern. Wo sich eine Kultur der Gewissheit herausgebildet hat, wird Ungewissheit, vom Klimawandel bis zur Möglichkeit, arbeitslos zu werden, nicht hingenommen. Hier kehrt Baumans Beobachtung zurück, jetzt in ihren Teilen. Eine Erwerbsgesellschaft, die die sichere Stelle für den Normalfall hielt und dem Einzelnen die Verantwortung für seine Beschäftigungsfähigkeit übertragen hat, erzeugt einen Anspruch, der bestehen bleibt, wenn die Zuversicht schwindet, ihn einlösen zu können. Die Arbeitswelt muss dafür nicht unsicherer geworden sein als in früheren Krisen. Es reicht, dass Gewissheit wichtiger geworden ist, und wo sie wichtig und nicht herstellbar ist, greift man zu Ersatzsicherungen, zu Zertifikaten, Standortgarantien und zum Ruf nach jemandem, der endlich aufräumt.

Schluss: dieselbe Ungewissheit, verteilte Ängste

Am Nachmittag sieht das Unternehmen von innen sehr verschieden aus. In der Konstruktion hat sich jemand für einen Kurs angemeldet, in der Buchhaltung wird über die Werkzeuge gespottet, in der Montage rechnet einer seine Ersparnisse durch, bei den Befristeten sagt niemand etwas, und in der Kantine weiß einer schon, wer schuld ist. Die Ungewissheit war für alle dieselbe. Verteilt waren die Objekte, das Wissen, die Mittel, die Regeln und die Auswege. Deshalb ist Angst ein soziologischer Gegenstand, und deshalb ist die Angstgesellschaft als Diagnose zu grob: Sie sieht die Ungewissheit und übersieht die Verteilung.

Über die Entstehung von Angst weiß man inzwischen einiges, über ihre Folgen erstaunlich wenig. Treibt die Angst um den Arbeitsplatz Menschen in die Weiterbildung, in den Betriebsrat oder zu denen, die einen Schuldigen anbieten? Lähmt sie ausgerechnet die Beweglichkeit, die man in der Flaute von den Beschäftigten verlangt? Ich kenne keine Daten, die das zeigen. Man müsste dieselben Beschäftigten vor und nach einer solchen Mail befragen, was sie fürchten, wem sie glauben, wem sie die Lage zurechnen und ob sie im Betrieb darüber reden dürfen. Diese Untersuchung würde ich gern machen.


Quellen: Der Text stützt sich auf meine Soziologie der Angst (Springer VS 2017), dort bes. Kap. 2.2 zu den Gegenwartsdiagnosen, Kap. 4 zur sozialen Strukturierung der Einschätzungen, Kap. 6 mit dem Beispiel der Angst vor Arbeitslosigkeit und Kap. 8 zu den Sorgendaten des Sozio-oekonomischen Panels; auf die Kompaktfassung „Anomische Gefühle: Angst" in Diefenbach/Zink (Hg.), Emotions- und Affektsoziologie (De Gruyter 2024); auf meinen Aufsatz „Wieso, weshalb, warum? Attribution und die Entstehung (negativer) Emotionen" (2012) und auf von Scheve/Dehne (2016). Die Zeitdiagnosen: Ulrich Beck, Risikogesellschaft (1986); Zygmunt Bauman, Liquid Fear (2006); Niklas Luhmann, Ökologische Kommunikation (1986); Anthony Giddens, The Consequences of Modernity (1990), Hartmut Rosa, Unverfügbarkeit (2018) und Andreas Reckwitz, Verlust (2024) werden als Anschluss genannt. Das Unternehmen und seine Rundmail sind konstruiert. Die Lagezahlen stammen aus dem Monatsbericht der Bundesagentur für Arbeit für August 2026 und dem EY-Industriebarometer für das zweite Quartal 2026; die Befragung zu KI-Wissen und Jobsorgen ist der KI-Monitor der TU Darmstadt (2026). Weiterführend auf dieser Seite: Wer KI versteht, hat mehr Angst um den Job, Die Attributionsordnung, Woran wir hängen und Wer entwarnt?. Kontakt: kontakt@maxdehne.de.

Bei Recherche und Überarbeitung dieses Textes kam KI zum Einsatz.