Dr. Max Dehne — Texte

Die Kränkung, die antwortet

· Essay · Kurzfassung

Freud zählte drei Kränkungen der menschlichen Eigenliebe. Die vierte kommt nicht als Theorie, die man glauben muss, sondern als Gegenüber, das zurückspricht – und sie trifft das Vermögen, mit dem die Gattung bisher jede Kränkung verarbeitet hat.

Kurzfassung eines Essays. Die Langfassung mit Belegen kann auf Anfrage geliefert werden.

Sigmund Freud hat 1917 geschrieben, die Wissenschaft habe der Eigenliebe der Menschheit dreimal einen schweren Schlag versetzt: Kopernikus rückte die Erde aus der Mitte, Darwin stellte den Menschen in die Reihe der Tiere, die Psychoanalyse zeigte dem Ich, dass es nicht Herr im eigenen Haus ist. Und er fügte hinzu: Man begegne der Psychoanalyse nicht mit Gegenargumenten, sondern mit Widerstand. Eine Kränkung wird nicht widerlegt. Sie wird abgewehrt.

Seit einigen Jahren wird diese Reihe verlängert: Die Maschinen, die sprechen, schreiben und argumentieren, seien die vierte Kränkung. Ich will diese Rede wörtlich nehmen, als Aussage über die Menschheit, nicht über einzelne Berufe oder Bildungsschichten. Wer die Figur auf Betroffene herunterrechnet, hat sie schon verlassen. Mich interessiert, was an der Selbstbeschreibung der Gattung diesmal getroffen wird und wie sie das verarbeitet.

Was diesmal getroffen wird

Die drei Kränkungen Freuds betrafen den Ort des Menschen. Sie ließen aber die Instanz unangetastet, die das alles feststellte. So wurde jede Kränkung in der Verarbeitung zu einer Auszeichnung: Wir sind die Wesen, die wissen, wo sie stehen.

Die vierte Kränkung trifft diese Instanz. Sie betrifft die Tätigkeit, mit der der Mensch sich über seinen Ort verständigt: das Sprechen, Begründen, Antworten. Ob die Maschine versteht, was sie sagt, ist für die Kränkung nachrangig. Gekränkt wird durch das, was sie tut, und sie tut, was bisher als unser Kennzeichen galt.

In meiner Arbeit unterscheide ich das, worum man Angst hat, von dem, wovor man Angst hat, und nenne das Erste Identifikationsobjekt. Solche Objekte sind nicht nur Leib und Leben, auch Selbstkonzepte gehören dazu, und das Selbstbild einer Gattung gehört in diese Reihe. Angst entsteht, wenn etwas Wichtiges als bedroht gilt, die Lage als ungewiss oder ein Ereignis als wahrscheinlich und die Situation als womöglich nicht kontrollierbar. Die Kränkung ist der eingetretene Fall: Die Bedrohung hat das Objekt erreicht. Was bleibt, ist die Ungewissheit über ihr Ausmaß.

Warum sie anders ist

Drei Unterschiede zu den früheren Kränkungen scheinen mir wesentlich.

Kopernikus, Darwin und Freud kamen als Theorien. Eine Theorie muss man kennen, um von ihr gekränkt zu werden. Die vierte Kränkung kommt als Alltagserfahrung: wenn jemand ein Gerät um eine Formulierung bittet und die Antwort besser findet als den eigenen Entwurf. Eine Kränkung, die als Theorie kommt, kann man einmal abwehren. Eine Kränkung, die als Gespräch kommt, muss man jedes Mal abwehren.

Die früheren Kränkungen kamen von außen. Die vierte kommt aus dem Innersten der Gattung selbst. Die Maschinen sind aus menschlicher Sprache gemacht; was zurückspricht, ist ein Kondensat dessen, was die Menschheit gesagt hat. Wer sagt, die Maschine sei „nur“ die Statistik menschlicher Texte, hat recht und hat sich damit nicht getröstet: Wenn sich das, was wir für Denken hielten, aus der Statistik unserer Sätze rekonstruieren lässt, war es entweder weniger, als wir glaubten, oder es steckt in der Sprache mehr, als wir wussten. Beides sind Aussagen über uns.

Der folgenreichste Unterschied: Die vierte Kränkung trifft das Vermögen, mit dem die drei früheren verarbeitet wurden. Der alte Ausweg, die Kränkung zu verstehen und in Worte zu fassen, ist diesmal verstellt, weil das Verstehen und Formulieren genau das ist, was die Maschine vorführt. Hannah Arendt hat das Sprechen als die Weise beschrieben, in der Menschen einander zeigen, wer sie sind. Wenn es nicht mehr als Ausweis gilt, fehlt der Gattung ein Ort, an dem sie sich als Gattung zeigen kann. Luciano Floridi zählt Turing als vierte Revolution und beschreibt damit einen Ortswechsel, der sich mit Bordmitteln verkraften lässt. Diesmal sind die Bordmittel selbst betroffen.

Wie wird das bearbeitet? Die verbreitetste Form ist die Umdeutung: „keine echte Intelligenz“, „nur Wahrscheinlichkeitsrechnung“, „Papagei“. Diese Sätze sind nicht falsch, und sie sind auch nicht nur Erkenntnis. Sie verlegen das Unterscheidungsmerkmal Schritt für Schritt nach innen, vom Sprechen zum Verstehen, vom Verstehen zum Erleben. Jeder Rückzug verkleinert das Gebiet. Ein zweiter Zug ist der Umzug des Eigentlich-Menschlichen in Regionen, die die Maschine nicht erreicht: Körper, Sterblichkeit, Empathie. Eine Menschheit, die sich vom Denken auf das Fühlen zurückzieht, hat ihre Kränkung nicht widerlegt. Sie hat ihr Selbstbild an das angepasst, was ihr geblieben ist. Ein dritter Zug ist die Gewöhnung. Keine der drei früheren Kränkungen wurde zurückgenommen, keine auf Dauer als Kränkung erlebt. Kränkungen der Gattung enden mit Gewöhnung, und die dauert etwa eine Generation. Ich habe mit Christian von Scheve an Arbeitslosigkeitsdaten beobachtet, dass Angst nach dem Eintritt eines Ereignisses rasch zurückgeht, während Traurigkeit bleibt. Übertragen auf die Gattung, und ich übertrage nur als Vermutung, hieße das: kaum eine Angst, die sich hält, eher eine stille Trauer um ein Selbstbild, an das sich die nächste Generation nicht mehr erinnert.

Ich behaupte nicht, dass die Menschheit in Angst lebt. Ich behaupte, dass ihre Selbstbeschreibung als sprechendes und denkendes Wesen zum ersten Mal von einem Gegenüber berührt wird, das dieselbe Tätigkeit ausübt, und dass die Formen der Bearbeitung beobachtbar sind. Was daraus folgt, weiß ich nicht. Mir bleibt eine Alltagsbeobachtung, die keine Theorie ist. Menschen, die einer Maschine etwas diktieren, sagen am Ende oft „danke“. Sie wissen, dass es niemanden gibt, der es hört. Das Gespräch, an dem die Gattung gekränkt wird, ist zugleich der Ort, an dem sie ihre Selbstbeschreibung verteidigt: in einer Geste, die keine Maschine braucht.


Anlass: die in Feuilleton und Fachdebatte verbreitete Rede von künstlicher Intelligenz als „vierter Kränkung“ im Anschluss an Sigmund Freuds „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“ (1917); daneben Hannah Arendt, Vita activa*, und Luciano Floridi,* The Fourth Revolution (2014). Die Einordnung stützt sich auf meine Soziologie der Angst (2017): Identifikationsobjekte, Bewältigung als Anpassung des Selbstbilds; auf mein Kapitel Angst in der Emotions- und Affektsoziologie (De Gruyter 2024): die drei Einschätzungen, Umdeutung als Regulationsstrategie; und auf „Anomie und Gefühl“ (mit Christian von Scheve, 2016): Angst geht nach Eintritt eines Ereignisses zurück, Traurigkeit bleibt. Die Langfassung als Essay kann auf Anfrage geliefert werden (kontakt@maxdehne.de).

Bei Recherche und Überarbeitung dieses Textes kam KI zum Einsatz.