Die Attributionsordnung — wer wen wofür verantwortlich machen darf
· Essay · Kurzfassung
Gesellschaften regeln nicht nur, was man fühlen darf, sondern auch, wem man die Schuld geben darf. Diese zweite Ordnung ist die mächtigere, denn die Zuschreibung entscheidet, welches Gefühl überhaupt entsteht.
Kurzfassung eines Essays. Die Langfassung mit Belegen kann auf Anfrage geliefert werden.
Nach einem Hochwasser läuft die Debatte fast immer gleich ab. In der ersten Woche gilt die Regel, jetzt sei nicht die Zeit für Schuldzuweisungen. In der zweiten werden sie trotzdem erhoben: Die Behörden haben zu spät gewarnt, die Gemeinden haben in die Aue gebaut, das Klima hat sich verändert, der Fluss war schon immer so. In der dritten Woche wird darüber gestritten, welche Zuschreibung überhaupt zulässig ist. Dass Betroffene den Behörden Vorwürfe machen, gilt als selbstverständlich. Dass ein Minister den Betroffenen Vorwürfe macht, gilt als Skandal. Diese Asymmetrie ist keine Frage der Fakten. Sie ist eine Regel.
Zwei Regelschichten
Die Emotionssoziologie kennt seit Arlie Hochschild die Gefühlsregeln: Es gibt Regeln dafür, was man in einer Situation empfinden soll, Trauer auf der Beerdigung, Freude auf der Hochzeit. Ich habe sie in meinem Modell der Angst als eine der sozialen Bedingungen übernommen.
Was in dieser Ordnung fehlt, ist die Schicht davor. Bevor eine Situation ein Gefühl verlangt, muss sie gedeutet sein, und der wichtigste Teil dieser Deutung ist die Frage, wer oder was sie herbeigeführt hat. Ich habe 2012 vorgeschlagen, für diese Schicht dieselbe Denkfigur zu verwenden: Es gibt Attributionsregeln. Es existieren gesellschaftliche Erwartungen, die regulieren, wer unter welchen Umständen wofür verantwortlich gemacht werden kann und darf. Lehrkräfte schreiben sich die Misserfolge ihrer Schüler zu, weil ihre Berufsrolle mit Zuständigkeitsnormen verknüpft ist. Statusniedrige suchen die Schuld eher bei sich selbst, Statushohe eher bei anderen. Und die Neigung, das Verhalten anderer aus ihrer Person statt aus ihrer Lage zu erklären, tritt vor allem in westlichen, individualisierten Gesellschaften auf. Sie ist also keine Naturkonstante.
In meinem Buch von 2017 habe ich diesen Gedanken, das gebe ich zu, kleiner gehängt, als er es verdient; dort ist Attribution nur eine Unterdimension der Kontrolle. Für die Frage, die mich hier beschäftigt, ist der Aufsatz von 2012 der reichere Text.
Dieselbe Lage, vier Gefühle
Warum sollte die Zuschreibung mächtiger sein als die Gefühlsregel? Weil sie früher ansetzt. Die Gefühlsregel sagt, was man in einer gedeuteten Situation empfinden soll. Die Zuschreibung entscheidet, welche Situation es ist.
Man kann das an einer einzigen Lage durchspielen: Die Stelle ist weg. Verantwortung ist dabei mehr als Verursachung. Wer jemanden verantwortlich macht, unterstellt, dass er hätte anders handeln können, und misst ihn an einer Norm. Daraus folgt: Scham, wenn ich es war; Wut, wenn ein anderer es war. Zuschreibungen erklären aber nicht nur, was geschehen ist, sie legen auch nahe, was kommt. Sind die Verhältnisse schuld, und bleiben sie so, heißt das Hoffnungslosigkeit. Ist die Ursache veränderlich und beeinflussbar, entsteht Hoffnung. Und ist sie veränderlich, aber von niemandem zu beeinflussen – Glück, Pech, Schicksal, „die Umstände" –, dann besteht ein Höchstmaß an Ungewissheit über das, was kommt. Das Gefühl dazu heißt Angst.
Die Lage hat sich in keinem der vier Fälle verändert, nur die Zuschreibung, und mit ihr das Gefühl. Die Attributionsordnung verteilt Gefühle, indem sie Zuschreibungen verteilt, und welche Richtung jemandem nahegelegt wird, ist sozial vorgezeichnet: nach Status, Geschlecht, Beruf und Milieu. Wie diese Weiche bei der Wahl rechter Parteien arbeitet, habe ich in meinem Text über die AfD-Wahl als Bewältigungshandlung beschrieben.
Die Oberseite: Entlastung als Technik
Wenn von Zuschreibung die Rede ist, denkt man an den Sündenbock: die Schuld nach unten und nach außen, auf Gruppen, die sich nicht wehren können. Das ist die Unterseite der Ordnung. Die Oberseite ist weniger beschrieben.
Zuschreibungen auf Umstände statt auf Personen haben eine emotionsmindernde Wirkung, und eben diese Eigenschaft wird gezielt zur Entlastung genutzt: Arbeitgeber verweisen auf den internationalen Konkurrenzdruck, nationale Politiker auf die Europäische Union. Heute heißt der Platzhalter „die Lage", „die Märkte", „die Zeitenwende". Wer eine Entscheidung ins Situative verschiebt, nimmt sich aus der Verantwortung heraus, und mit ihm verschwindet der Anlass zur Wut. Neben den Sündenböcken gibt es also Zonen, in denen Verantwortung versickert.
Die Entlastung hat allerdings einen Preis, und ihn zahlen, so meine Vermutung, nicht die Entlasteten. Wer die Ursache ins Situative verschiebt, erzeugt genau die Konstellation, die Angst macht: eine Ursache, die niemand steuert und die jederzeit wiederkehren kann. Der Arbeitgeber, der auf den Konkurrenzdruck verweist, hat sich nicht nur entlastet. Er hat den Belegschaften ein Schicksal zugewiesen. Das erklärt vielleicht, warum Gesellschaften mit wenig Sündenböcken nicht automatisch Gesellschaften mit wenig Angst sind.
Maschinen als Adressen
Ein neuer Adressat kommt gerade hinzu. „Der Algorithmus war's" ist die jüngste Form der Zuschreibung auf Umstände: Sie begründet weder Wut noch Scham, lässt aber die Zukunft offen, veränderlich und unbeeinflussbar. Die Debatten über die Regulierung solcher Systeme verhandeln, ob sie es wissen oder nicht, Attributionsregeln.
Was sich prüfen ließe
Jede Debatte über ein Krisenereignis lässt sich mit wenigen Fragen auf ihre Attributionsordnung hin lesen. Wird die Ursache als Person, als Gruppe oder als Umstand benannt, und wer profitiert davon? Wird Verantwortung behauptet oder nur Verursachung? Wem wird das Recht zur Zuschreibung eingeräumt, etwa mit der Formel, jetzt sei nicht die Zeit dafür? Und wer trägt am Ende die Ungewissheit? Die Hochwasserdebatte lässt sich damit in zehn Minuten sortieren. Was fehlt, ist ein Instrument, das Attributionsregeln misst: Jede Zeitreihe von Schuldzuweisungen misst bislang zugleich, was Menschen zuschreiben und was sie zuschreiben dürfen.
Die Langfassung mit Belegen kann auf Anfrage geliefert werden: kontakt@maxdehne.de. Grundlage: Dehne, „Wieso, weshalb, warum? Attribution und die Entstehung (negativer) Emotionen", in Schnabel/Schützeichel (Hg.), Emotionen, Sozialstruktur und Moderne (2012), und Soziologie der Angst (2017). Die These einer eigenen, den Gefühlsregeln vorgelagerten Attributionsordnung führt den Aufsatz über seinen Text hinaus.
Bei Recherche und Überarbeitung dieses Textes kam KI zum Einsatz.